Samstag, 13. Oktober 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 27.07.1914 - Kriegsbeginn

Der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

ist, nachdem die serbische Regierung auf die österreichische Note eine ablehnende Antwort erteilte, nunmehr zur Gewissheit geworden. Der österreichische Gesandte hat, gemäß seinen Instruktionen, am Samstag Abend 6 Uhr Belgrad verlassen, auch der serbische Gesandte ist aus Wien abgereist. In Wien hat man sich nicht zur Verlängerung der 48-stündigen Frist verstanden, in welchem Sinne sich Rußland und Frankreich in unverhüllter Parteinahme für ihren serbischen Schützling bei der österreichisch-ungarischen Regierung bemüht haben. Österreich-Ungarn war von vornherein fest entschlossen, auf seinen scharfen, aber freilich auch gerechtfertigten, Genugtuungsforderungen zu bestehen, während in Serbien die gesamte öffentliche Meinung noch vor Ablauf der Ultimatumsfrist mit aller Entschiedenheit gegen ein Eingehen Serbiens auf die Forderungen der großen Nachbarmonarchie gerichtet war. Die Regierung des Königs Peter würde zweifellos in einen schweren Konflikt mit dem durch seine nationalen und politischen Leidenschaften aufgeregten eigenen Volke geraten sein, wenn sie Österreich-Ungarn wesentlich entgegenkommen würde, und so muß denn ein Waffengang zwischen den beiden Nachbarstaaten entscheiden, die ja schon seit Jahren in einen mehr oder weniger gespannten Verhältnisse miteinander leben.
Bei Serbien, das kaum erst die beiden schweren Kriege gegen die Türkei und gegen Bulgarien überstanden hat, dürfte die feste Hoffnung auf eine tatkräftige Unterstützung seitens des Zweibundes, in erster Linie aber Rußlands, hierbei eine bestimmende Rolle spielen. Ein bewaffnetes Eingreifen des Zweibundes zugunsten Serbiens in einem eventuellen Kriege dieses ehrgeizigen Balkanstaates mit Österreich-Ungarn würde aber natürlich Deutschland und Italien an die Seite ihres österreichisch-ungarischen Verbündeten rufen, und dann würde das schon immer gefürchtete Unheil eines großen Weltkrieges mit einem Male über Europa hereinbrechen.
Ob es zu diesem Äußersten kommen wird, bleibt abzuwarten, bestehen doch für Rußland wie für Frankreich gewichtige Gründe, sich zurzeit nicht ohne zwingende Not in einen großen Krieg zu stürzen. Das Zarenreich leidet gerade im jetzigen Moment unter ernsten sozialrevolutionären Zuckungen in seiner Arbeiterschaft, welche sich zweifellos in eine offene Revolution bei einer etwaigen auswärtigen kriegerischen Verwickelung Rußlands verwandeln dürften. Mit der militärischen Schlagfertigkeit des französischen Bundesgenossen Rußlands aber sieht es im jetzigen Moment einigermaßen bedenklich aus, die bekannten Enthüllungen des Senators Humbert haben auf die Zustände im französischen Heere ein grelles Streiflicht geworfen, welch letztere Zweifel erwecken, ob es jetzt den Anforderungen eines großen Feldzuges gewachsen sein würde. Möglich darum, daß von Petersburg und Paris bei aller Sympathie für den serbischen Radaubruder schließlich geheime Winke nach Belgrad ergehen; ob sie von den Hitzköpfen in Belgrad befolgt werden, das steht freilich auf einem anderen Blatte. In Österreich-Ungarn wie in Serbien sind die Mobilisierungsmaßnahmen und andere militärische Vorbereitungen im vollen Gange. Österreich-Ungarn darf getrost von sich behaupten, daß es in seiner Haltung gerechtfertigt vor Europa dastehe.
Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldungen vom 25. Juli: 
Belgrad, 25. Juli. Ministerpräsident Baschitsch erschien 10 Minuten vor 6 Uhr abends in der hiesigen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und überreichte dem Freiherrn von Giesl die serbische Antwort auf die österreichisch-ungarische Note. Diese war nach den dem Gesandten gewordenen Instruktionen aus Wien als ungenügend zu betrachten. Baron Giesl notifizierte dem Ministerpräsidenten infolgedessen sofort den Abbruch der diplomatichen Beziehungen. Mit dem Gesandtschaftspersonal verließ Freiherr v. Giesl um 6 Uhr 30 Minuten die serbische Hauptstadt. 
Wien, 25. Juli. Das Ministerium des Auswärtigen hat heute Abend 6 Uhr 10 Minuten die versammelten Journalisten zu sich berufen und ihnen folgende Mitteilung gemacht: „Um 3 Uhr nachmittags wurde die serbische Armee mobilisiert. König Peter, der Königliche Hof, die Behörden, die Truppen haben Belgrad verlassen. Um 6 Uhr überreichte die serbische Regierung dem österreichischen Gesandten die Antwortnote. Da sie für nicht genügend befunden wurde, ist der österreichische Gesandte in Belgrad samt dem Personal abgereist. 
Wien, 25. Juli. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, hat der serbische Kriegsminister im Ministerrat erklärt, daß die Armee jene Bedingungen, die sich auf die Verhaftung und Bestrafung von Offizieren beziehen, in keinem Falle annehmen werde, und daß für die Krone die Gefahr bestehe, das sich die Armee gegen die Dynastie erheben werde. Der Kriegsminister hatte diese Erklärung auf Grund eines Memorandums abgegeben, das vom Belgrader Offizierkorps ihm gestern Abend übergeben worden war. Auch aus den Provinzgarnisonen wurden an den Kriegsminister telegraphische Proteste der Offiziere übermittelt. Der Ministerrat soll auch im Besitze von Petersburger Erklärungen gewesen sein, die den Beschluß der Regierung beeinflußt hätten. Schon gestern Nachmittag wurde die Mobilisierung der Donau und der Drinadivision angeordnet. Zum Kommandanten der Donau-Division wurde General Inkowitsch ernannt. Das Hauptquartier wurde nach Valjewo verlegt, wohin General Inkowitsch mit seinem Stabe bereits abgereist war. Die Leitung der Kriegsoperationen wird General Putnik übernehmen. König Peter wird morgen eine Proklamation an das Volk erlassen. Alle Reservisten wurden telegraphisch einberufen. 
Wien, 25. Juli. Österreich hat bereits eine teilweise Mobilisierung angeordnet. Von den bestehenden 16 österreichischen Korps wurden acht Korps mobilisiert. Darunter befinden sich die beiden böhmischen Korps, das Prager und das Leitmeritzer. Die Sicherung der Eisenbahnlinien durch Truppendetachements wurde heute Abend angeordnet. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Wachen und Posten demjenigen gegenüber, der auf den ersten Anruf nicht stehen bleibt, von der Waffe Gebrauch machen. 
Wien, 25. Juli. Um 8 Uhr abends hat der serbische Gesandte Jowanowitsch mittels Automobils Wien verlassen. Soviel man hört, hat er sich direkt nach Belgrad begeben. 
Belgrad, 25. Juli. Der deutsche Gesandte, Freiherr von Griesinger übernimmt den Schutz der österreichischen Staatsangehörigen.
Die Begeisterung in Österreich und Ungarn ist begreiflich sehr lebhaft. In Wien versammelten sich noch am Samstag  Abend die Massen zu einem imposanten Manifestationszuge, der, immer neuen Zuzug erhaltend, über die Ringstraße zum Deutschmeisterdenkmal zog. Patriotische Lieder wurden gesungen und Hochrufe auf den Kaiser, auf Kaiser Wilhelm und auf die Armee ausgebracht. Die Polizei ließ die Menge gewähren. Auch in allen übrigen Teilen der Stadt wurde die Nachricht mit größter Begeisterung aufgenommen. Überall, wo die Menge eines Offiziers oder eines Soldaten ansichtig wurde, umringte sie ihn und begrüßte ihn mit begeisterten Rufen: „Hoch der Krieg! Hoch die Armee!“  
Vor dem Gebäude der deutschen Botschaft im dritten Wiener Bezirk fanden heute Abend große Sympathiekundgebungen statt. Eine Menge von etwa 10.000 Personen sang vor dem Gebäude die „Wacht am Rhein“ und brachte Hochrufe auf Kaiser Wilhelm, unserem Verbündeten, aus. Die russische Botschaft, welche sich in unmittelbarer Nähe befindet, wurde von dem Publikum nicht belästigt. Noch immer ziehen unausgesetzt große Trupps von Menschen mit schwarzgelben Fahnen durch die Straßen der Stadt.  Aus vielen Provinzstädten werden große patriotische Kundgebungen für den Krieg gemeldet.
Deutsche Sympathiekundgebungen für Österreich sind allgemein. Das entschlossene Auftreten Österreichs ist in allen Großstädten Deutschlands mit Begeisterung aufgenommen worden. Besonders patriotische Kundgebungen werden aus München, Berlin, Hamburg, Breslau, Hannover, Homburg, Freiburg gemeldet. 
Die italienische Regierung hat der österreichisch-ungarischen Regierung eine Erklärung zukommen lassen, daß sie in einem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eine dem Bundesverhältnisse entsprechende Haltung einnehmen werde.
Die russische Auffassung der Lage ist noch unbestimmt: Petersburger Abendblätter schlagen einen äußerst beschloß im heutigen Staatsrat, anläßlich des Krieges zwischen Deutschland und England eine Neutralitätserklärung ab zu geben. Nachdem bereits im dänischen Teil des Landes die Minensperre erfolgte, wurde beschlossen, im Großen Belt und im dänischen Teil des Kleinen Belt Minen auszulegen, um zu vermeiden, daß sich die Kriegsoperationen auf die dänischen Gewässer ausdehnen, und um die Verbindung zwischen den dänischen Landesteilen aufrechtzuerhalten. Außerdem wurde beschlossen, den zweien Teil der Sicherungsstärke auf Fünen und Jütland, sowie den zweiten bis einschließlich achten Jahrgang der Mannschaft von Seeland, Laaland und Falster einzuberufen. Die Einberufung der Sicherungsstärke ist nicht gleichbedeutend mit Mobilisierung.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Mittwoch, 26. September 2018

4. Kriegsanleihe 1916 - Bensheimer Schülerin opfert ihr Taschengeld für die Soldaten an der Front

"Die kleine Lisa ist erst neun Jahre alt. Sie geht in Bensheim zur Schule, ihr Vater ist im Krieg und die Schülerin spendet ihr Taschengeld der Front".

Lisa (Elisabeth) Zehnbauer und ihre Klasse der Katholischen Volksschule Bensheim mit der Klassenlehrerin Frau Kempf 1917

So dürften etliche Lebensläufe in Deutschland, ja in ganz Europa ausgesehen haben und die kleine Lisa war nicht die einzige Schülerin, die dem Aufruf zur Spende gefolgt sein dürfte. 

Das Formular war für Schulen vorbereitet worden; der Name des Schülers, der Schule und des Lehrers kamen in die entsprechenden, vorgedruckten Felder. Da konnte man gar nicht "Nein" sagen!



Zu Beginn des Krieges hatte man sich in Deutschland zur Finanzierung des Krieges, dem liberalen Wirtschaftsgeist der Epoche gemäß, für Anleihen entschieden und nicht wie andere Staaten für eine Erhöhung der Steuern. Geld musste her und zwar in rauen Mengen, denn bereits die erste Kriegswoche schlug mit rund 750 Millionen Mark zu Buche, der erste Monat verschlang bereits 2.25 Milliarden Mark und es sollten noch vier Jahre Krieg folgen. 

Die erste Kriegsanleihe vom 10. bis 19. September 1914 brachte mit 1.177.235 Zeichnern, die alle 100 Mark einlegen mussten, insgesamt 4.5 Milliarden Mark. Aber 100 Mark Mindesteinlage war für keinen normalen Schüler zu stemmen. Zwar gab es auch schon im Rahmen der allerersten Kriegsanleihe Schulen und Schüler, die sich beteiligten, aber dabei handelte es sich um wenige Schulen, meist elitäre Gymnasien, die dieses Opfer erbringen konnten.

Einhundert Mark waren für das älteste der 6 Kinder Johann Heinrich Zehnbauers undenkbar. Das sah wohl auch die Regierung so und es wurden ab der 2. Kriegsanleihe auch Schulen mit einbezogen. Was vorerst noch als "pädagogischer Missgriff" verurteilt wurde, entwickelte sich spätestens mit der vierten Anleihe zu einer schulischen Pflichtveranstaltung.1

Jetzt durfte auch die kleine Lisa ihr Opfer bringen. Frau Kempf die Klassenlehrerin konnte gar nicht anders, als diesen organisierten Opfergang institutionell umsetzen und so landete das Taschengeld der kleinen Lisa... wo es besser nicht gelandet wäre!


Links und Literaturhinweise

1) siehe: Kronenberg, Martin (2014): Kampf der Schule an der "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg: Nagelungen, Hilfsdienste, Sammlungen und Feiern im Deutschen Reich, Hamburg, Seite 106ff.

© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Sonntag, 16. September 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 06.07.1914 - Die Beisetzung des Thronfolgers und Princips Geständnis


Die Beisetzung des Erzherzogpaares Franz Ferdinand. 

Groß-Pöchlarn, 4. Juli, Die Särge des Erzherzogs und der Herzogin wurden unter strömendem Regen aus dem Waggon gehoben und in dem Wartesaal aufgebahrt. Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Franz Ferdinand hielten die Ehrenwache. Nach neuerlicher Einsegnung wurden die Särge um 3 ½ Uhr morgens in den Galaleichenwagen gebracht. Der Trauerzug setzte sich durch ein dichtes Spalier der Bevölkerung, welche in stummer Ergriffenheit die Verblichenen begrüßte, zum Donauufer in Bewegung, wo er um 4 Uhr anlangte. Die Leichenwagen wurden auf eine Rollfähre geschoben, welche langsam über den Donaustrom setzte. Vom jenseitigen Ufer wurde der 3 ½ Kilometer lange Weg zum Schloß Artstetten fortgesetzt, wo der Trauerzug um 5 Uhr morgens anlangte. Die Särge wurden in der Schloßkirche aufgebahrt; Priester- und Nonnen hielten abwechselnd Betstunden. Um 8 und 9 ¾ Uhr trafen zwei Hofsonderzüge in Groß-Pöchlarn mit den Trauergästen ein, darunter Erzherzog Karl Franz Josef und Gemahlin, sowie die Kinder des verblichenen Paares. 
Artstetten, 4. Juli. Um 10 ¾ Uhr fand in der Schloß-Pfarrkirche in Gegenwart des Erzherzogs Karl Franz Joseph und der nächsten Verwandten der Verblichenen, zahlreicher Mitglieder des Kaiserhauses und sonstiger Trauergäste die feierliche Einsegnung der Leichen des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin statt. Dechant Dobner nahm unter großer geistlicher Assistenz die feierliche Handlung vor. An den Särgen hielten Offiziere die Ehrenwache. Um 11 ½ Uhr wurden die Särge durch ein Spalier von Feuerwehrleuten und Veteranen durch das Parktor zur Gruft getragen, wo in Gegenwart der nächsten Anverwandten die endgültige Beisetzung erfolgte.

Wien, 4. Juli. Heute Vormittag fand in der Hofburg-Pfarrkirche ein feierliches Seelenamt statt, welchem dem Kaiser, die Mitglieder des Kaiserhauses und die Würdenträger beiwohnten. 
Wien, 4. Juli. In der ganzen Monarchie fanden heute für den Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin feierliche Requiems statt. 
Wien, 4. Juli. Der Kaiser empfing die Kinder des verstorbenen Erzherzogs in Audienz, die 20 Minuten dauerte.

Princips Geständnisse.

Der Attentäter Princip erklärte, nach dem „Berl. Lok.- Anz“, in der Untersuchungshaft, daß er sich nach dem Attentat“ habe selbst entleiben wollen; wenn er gewußt hätte, daß er daran gehindert werde, würde er das Attentat nicht begangen haben. Er sei jedoch froh, daß das Attentat gelungen sei. Wären auch die Kinder des Thronfolgerpaares mitgewesen, hätte er sich nicht gescheut, auch sie zu erschießen. Princip antwortet sehr intelligent. Da sicher die Todesstrafe an ihm vollzogen wird, gibt sich in der Serajower Gesellschaft die Forderung kund, daß dies öffentlich geschehe. Bei der Verhaftung des Belgrader Gymnasiasten Trifko Grabe wurde festgestellt, dass er beim Rathause mit Revolver und Bombe ein Attentat auf den Thronfolger geplant habe. Nach dem Attentat bei der Lateinerbrücke durch Princip begab sich Grabez in die Wohnung seines Schwagers, des Schuhmachers Crnogorcevic, wo er Revolver und Bombe versteckte. Gestern wurde die Bombe und der geladene Revolver gefunden und der Polizei übergeben. Grabez ist 17 Jahre alt, Sohn eines serbischen Priesters aus Pale, einem Orte unweit Serajewo, und Schüler der siebenten Gymnasialklasse. Er verkehrte in der Gesellschaft der Attentäter und hat Bombe und Revolver in Belgrad vom Chef der Narodna Ciganovic erhalten. Der Schwager des Grabez, der Schuster Crnogorcevic, wurde schon Montag verhaftet, da er geäußert hatte, er habe von dem Attentat eher gewußt als alle in der Untersuchung Befindlichen. Er leugnet, das gesagt zu haben. Grabez ist auch ein Verwandter der serbischen oppositionellen Landtagsabgeordnete Gavro Gasic, der der Narodnagruppe angehört. Der bosnische Landtag wird nach dem Begräbnis des Thronfolgerpaares aufgelöst. Dann werden mehrere serbische oppositionelle Abgeordnete verhaftet. Einige sind durch die Untersuchung stark kompromittiert.
Wien, 5. Juli. Dem „Wiener Correspondenz-Bureau“ gehen aus Belgrad folgende weitere Meldungen zu: Dem „Mali-Journal“ zufolge, hat die serbische Polizei Nachforschungen nach dem Komitadschi Tschiganowitsch angestellt, gegen den der Verdacht laut wurde, daß er an dem Attentat gegen den Erzherzog beteiligt gewesen sei. Die serbische Polizei hat von Tschiganowitsch noch keine Spur gefunden, setzt die Nachforschungen aber fort.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2017, Alle Rechte vorbehalten.

Montag, 10. September 2018

"Gold gab ich für Eisen" - Urkunde über eine Goldspende anlässlich der Goldsammlung 1916.

Der Krieg hielt auch 1916 weiterhin an und nicht nur die Lage an der Front verschärfte sich, sondern auch die Haushaltslage der europäischen Kriegskassen. In ganz Europa, selbst in den USA, wurden auf verschiedene Art und Weise Rohstoffe eingesammelt, Geldspenden erbeten und Edelmetalle in Devisen getauscht, um die unaufhaltsam steigenden Kosten bei sich gleichzeitig verschärfender Rohstoffversorgung sicherzustellen.

Unaufhaltsam wurde im wahrsten Sinne des Wortes "das Tafelsilber verscherbelt". Waren es zu Beginn noch reine Kriegsanleihen, so machte man nun auch vor Kirchenglocken, Orgelpfeifen und Eheringen nicht mehr Halt.


Die hier gezeigte Urkunde über 16,50 Mark abgelieferten Goldes ist ein Beleg für den verzweifelten Versuch, den Krieg am Laufen zu halten. Was aber waren 16,50 Mark zur damaligen Zeit wert? Was konnte sich der Spender für diesen "vergüteten" Betrag kaufen.

Vielleicht macht man dies am besten an alltäglichen Gütern fest, dem Brot zum Beispiel. Im Jahre 1916, dem Zeitpunkt der Goldspende, hätte man 100 kg Weizenmehl  - jetzt kommen regionale Unterschiede zum Tragen - für 34,75 Mark in Eilenburg / Sachsen kaufen können oder für die gleiche Menge 50 Mark in Bayreuth / Bayern gezahlt. Das Brot als Bezugsgröße hätte in Frankfurt am Main 40 Pfennige für ein Kilogramm gekostet, wären also 41 Laib Brot gewesen.1

Was genau der edle Spender eingereicht hat, ist leider nicht klar, aber zumindest ist er eine Zeit lang satt geworden. War er der Einzige? Wohl kaum, denn sein Beitrag war, gemessen an der Gesamtsumme, bescheiden.

Die Werte der verschiedenen "Gelddruckaktionen" und deren Absicherung durch Kriegsanleihen kann man im Detail nachvollziehen. Im Jahre 1916 wurden durch zwei Kriegsanleihen - es waren während des Krieges insgesamt neun Kriegsanleihen - 21.365.000.000 Mark erzielt, allerdings 23.154.000.000 Mark als Schatzanweisungen in Umlauf gebracht2.... Richtig! Der Volksmund spricht von "Miesen"!



Links und Literaturhinweise

1) Brot- und Mehlpreise 1916, Quelle: Bergische Arbeiterstimme 29. Juni 1916: Mehl- und Brotpreise in deutschen Städten, entnommen der Homepage "1914-1918: Ein rheinisches Tagebuch" https://archivewk1.hypotheses.org/27632

siehe auch: Goldsammlung Petrinum - Schüler überwiesen im Kriegsjahr 1915 bereits 56.840 Goldmark, auf http://www.dorsten-lexikon.de/goldsammlung-petrinum/

© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Mittwoch, 22. August 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 03.07.1914 - Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien


Österreich-Ungarn und Serbien.

 Die kaum noch zu bezweifelnde Tatsache, daß die Ermordung des unglücklichen Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin als ein Ausfluß der seit Jahren betriebenen großserbischen Hetzereien gegen Oesterreich-Ungarn betrachtet werden muß, erscheint geeignet, kritische Rückwirkungen auf die offiziellen Beziehungen zwischen der habsburgischen Doppelmonarchie und Serbien zu äußern. Wohl haben sich König Peter und die serbische Regierung beeilt, dem vielgeprüften Kaiser Franz Josef und der österreichischen Regierung anläßlich der furchtbaren Mordtat von Serajewo zu kondolieren, auch an sonstigen amtlichen Belgrader Stellen hat man nicht mit Ausdrücken des Beileids aus dem genannten traurigen Anlasse zurückgehalten, aber diese Kundgebungen werden kaum den in den Wiener Regierungskreisen ebenso wie anderwärts vorherrschenden Eindruck wegwischen, daß das amtliche Serbien moralisch die Mitschuld an dem entsetzlichen Verbrechen in der Hauptstadt Bosniens trägt. Ist es doch erwiesen, das die großserbische Propaganda, welche von der Vereinigung der südslawischen Provinzen Österreich-Ungarns mit dem Königreich Serbien zu einem großserbischen Reiche träumt, in Belgrad ihren eigentlichen Ausgangspunkt und Rückhalt besitzt, daß in der serbischen Hauptstadt die Fäden der antiösterreichischen Agitation, welche immer rücksichtsloser auf jenes politische Ziel hinarbeitet, zusammenlaufen.
Von der serbischen Regierung ist indes bis jetzt so gut wie nichts geschehen, um in ihrem eigenen Lande dieser Agitation energisch entgegenzutreten, was schließlich eine gewisse, allerdings nur zu begreifliche, Verstimmung in den Wiener Regierungskreisen gegen Serbien hervorgerufen hat. Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn diese Verstimmung sich infolge der von Fanatikern serbisch-bosnischer Nationalität begangenen Untat in Serajewo noch verschärfen und das Verhältnis Österreich-Ungarns seinem serbischen Nachbarstaate ungünstig beeinflussen würde.

Anderseits steht freilich ebenso sehr zu befürchten, daß die jetzt mit Sicherheit zu erwartenden scharfen Maßnahmen der österreichisch-ungarischen Regierung gegen das nachgerade einen revolutionären Charakter annehmende Treiben der großserbischen Agitatoren und Verschwörer die Belgrader Regierungskreise mit Mißbehagen erfüllen werden. Auch die feindseligen Volksdemonstrationen, welche in einer ganzen Reihe von Orten Österreich-Ungarns gegen Serbien und die Serben anläßlich des Attentats von Serajewo stattgefunden haben, dürften in Belgrad verschnupfen, sodaß recht bald eine mißlichere Gestaltung des österreichisch-serbischen Gesamtverhältnisses eintreten kann. Freilich sind die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien nicht erst seit heute und gestern einigermaßen heikele, sie hatten vielmehr schon seit der formellen Annexion Bosniens und der Herzegowina seitens Österreich-Ungarns einen mehr oder weniger offiziellen Charakter angenommen. Begehrte doch Serbien selber heimlich nach jenen ehemaligen türkischen Provinzen, welchem Begehren der Kaiserstaat einen Riegel vorschob. Damals fehlte nicht viel, daß deshalb ein Krieg zwischen den beiden Nachbarländern ausgebrochen wäre. Als sich nun die österreichische Politik dem lebhaften Wunsche Serbiens während der Balkankrisis, einen Hafen am Adriatischen Meere zu erwerben, ganz energisch widersetzte, so erfuhr hiermit die antiösterreichische Stimmung in Serbien gegen die habsburgische Monarchie nur noch eine Vertiefung, und bei vieler gegenseitigen Gereiztheit ist das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eben bis heute ein mehr oder weniger gespanntes geblieben.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Sonntag, 5. August 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 29.06.1914 - Das Attentat von Sarajewo


Nichtamtlicher Teil 

Erzherzog-Thronfolger Ferdinand von Österreich und Gemahlin ermordet.

Serajevo, 28. Juni. Als sich der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin die Herzogin Sophie von Hohenberg  heute Vormittag zum Empfang ins Rathaus begab, wurde gegen sein Automobil eine Bombe geschleudert, die der Erzherzog mit dem Arme zurück stieß. Die Bombe explodierte, nachdem das Erzherzogliche Automobil die Stelle passiert hatte. Die in dem nachfolgenden Automobil befindlichen beiden Herren des Gefolges wurden leicht verletzt. Vom Publikum wurden sechs Personen schwer und fünf leicht verletzt. Der Attentäter, der Typograph Cabrenovic aus Trebinje, wurde sofort festgenommen. Nach dem Empfang im Rathause setzte der Thronfolger mit seiner Gemahlin die Rundfahrt fort. Ein Gymnasiast der achten Klasse namens Princip aus Prahova feuerte aus einem Browning mehrere Schüsse auf den Thronfolger und dessen Gemahlin ab. Der Thronfolger wurde im Gesicht, die Herzog in den Unterleib getroffen. Beide wurden in den Konak übergeführt, wo sie ihren Verletzungen erlegen sind. Der Attentäter wurde verhaftet. Die erbitterte Menge lynchte nahezu beide Attentäter. Die Trauer in der Stadt ist allgemein. 
Wien, 28. Juni. Erzherzog Franz Ferdinand und die Herzogin Hohenberg waren von ihrem Aufenthalt in Bosnien sehr befriedigt, besonders gut gefiel ihnen der Kurort Ilidze. Überall, wo sie sich zeigten, waren sie der Gegenstand herzlicher Ovationen des Publikums, so auch gestern bei der Promenade, welche sie ohne jede Begleitung im Kurpark von Ilidze unternahmen. Von anderer Seite wird noch über das Attentat von Serajewo gemeldet: Heute Vormittag 10 Uhr traf das erzherzogliche Paar aus Ilidze in Sarajewo ein, wo ein großartiger Empfang vorbereitet wurde. Unweit dem Bahnhofe wurde die Bombe geworfen, von der der Thronfolger und seine Gemahlin noch verschont blieben, durch welche 11 Personen aus dem Publikum, davon 6 schwer und fünf leicht verletzt wurden. Die beiden Offiziere des Gefolges sollen gleichfalls schwer verletzt sein. Trotzdem fuhr das Erzherzogspaar nach dem Rathause weiter. Nach dem Verlassen des Rathauses sollen sie beabsichtigt haben, den Verletzten einen Besuch abzustatten. Am Hauptplatz von Sarajewo sprang plötzlich ein junger, gut gekleideter Mann aus dem Publikum hervor und gab auf das erzherzogliche Paar zwei Schüsse ab, von denen einer den Erzherzog-Thronfolger nahe der Schläfe und der andere die Herzogin von Hohenberg in den Unterleib traf. Das Automobil setzte die Fahrt nach dem Konak in beschleunigtem. Tempo fort. Hier waren sofort Ärzte zur Stelle, doch war jegliche Hilfeleistung unmöglich. Gleich nach dem Eintreffen in dem Konak verschieden der Erzherzog-Thronfolger und seine Gemahlin. 
Bad Ischl, 28. Juni. Die Nachricht von dem Ableben des Thronfolgers und der Herzogin Sophie von Hohenberg hat hier große Bestürzung hervorgerufen und tiefste Anteilnahme auch für Seine Majestät erweckt. Als dem Kaiser Franz Joseph, der gestern erst zum Sommeraufenthalt eingetroffen war, die Nachricht mitgeteilt wurde, weinte er und brach in die Worte aus: „Entsetzlich, entsetzlich! Auf dieser Welt ist mir nichts erspart geblieben.“ Der Kaiser zog sich hierauf in seine Appartements zurück. Sämtliche Veranstaltungen und Theatervorstellungen wurden sofort nach dem Bekanntwerden der Trauernachrichten abgesagt. Die Abreise des Kaisers nach Wien ist endgültig auf morgen, Montag, früh festgesetzt worden. 
Wien, 28. Juni. Die Nachricht von dem Attentat und dem Tode des Erzherzog Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin, die in Wien um 4 Uhr bekannt wurde, wurde in der ganzen Stadt unter dem Ausdruck tiefster Teilnahme und Bestürzung lebhaft besprochen. Von den einzelnen Häusern wehen bereits schwarze Fahnen. Die Zeitungen verbreiteten die Nachricht durch Extrablätter. Auf dem Flugplatze traf die Nachricht um 1/4 4 Uhr ein und zwar in Form von unbestimmten Gerüchten. Sie wurde zuerst von niemand geglaubt. Die Flugkonkurrenzen wurden daher fortgesetzt. In der Hofloge wohnte Erzherzog Karl Albrecht den Vorführungen bei. Als ihm die offizielle Nachricht von dem Attentat zur Kenntnis gebracht wurde, verließ er sofort das Flugfeld. Die Flüge wurden sofort eingestellt.
Serajewo, 28. Juni. Der Attentäter Princip ist 19 Jahre alt. Er gab bei dem Verhör an, schon lange die Absicht gehabt zu haben, irgendeine hohe Person aus nationalistischen Motiven zu töten. Er habe einen Moment gezögert, da auch die Herzogin sich im Automobil befand, dann aber rasch gefeuert. Er leugnet, Komplizen zu haben. Der einundzwanzigjährige Typograph Cabrinovic zeigte bei dem Verhör ein zynisches Wesen. Auch er erklärte, keine Komplizen zu haben. Cabrinovic war nach dem Attentat in den Fluß gesprungen, wurde jedoch von den nachspringenden Wachtleuten und Personen aus dem Publikum verhaftet. Wenige Schritte von dem Schauplatz des zweiten Attentats wurde eine unwirksam gebliebene Bombe aufgefunden. Sie dürfte von einem dritten Attentäter weggeworfen worden sein, nachdem er gesehen hatte, daß der Anschlag gelungen war. Princip erklärte, er habe längere Zeit in Belgrad studiert. Cabrinovic erklärte, die Bombe von einem Anarchisten in Belgrad, dessen Namen er nicht kenne, erhalten zu haben.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2017, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 7. Juli 2018

Bensheimer treffen sich in Russland... zufällig

Mitten in Russland, vor einer Hausruine, im Winter treffen sich Bensheimer und schießen ein Gruppenbild. Dieses Bild stammt aus dem Stadtarchiv und verfügt Gott sei Dank über eine Aufschrift auf der Rückseite. So ist es auch möglich die Personen teilweise mit Namen zu versehen. Man erkennt Heinrich Völker (No. 2) von dem auch das Bild stammt, Herr Weimar (No. 3), Philipp Schader (No. 4), Joseph Hunger (No. 5), Herr Scheider (No. 6).



Selbst nach 100 Jahren könnte es sein, dass jemand dieses Bild auch noch im Nachlass eines Angehörigen hat oder vielleicht das Gesicht des Vorfahrens erkennt. Wie schön wäre es, wenn die restlichen Namen noch gefunden werden könnten.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Samstag, 23. Juni 2018

Soldat Klein schreibt seiner Schwester - Feldpostkarte mit Alltagsszene aus dem Soldatenleben

Leider ist der Vorname des Soldaten Klein unbekannt, aber dafür lässt er sich innerhalb seiner Familie gut einordnen. Er ist der Schwager von Jakob Seeger (siehe Beiträge) und steht zudem in Verbindung mit Paul Klein (siehe Beitrag).

Er schreibt:
Feldpostkarte, gelaufen 14.10.1917; Poststempel: Bad Homburg 14.10.1917. 7-8 N; 1 Krone; Adressat: Frau Maria Seeger, Auerbach / H., Neuer Weg, bei Jährling; Text: Bad Homburg, 12.10.1917; Liebe Schwester! Hoffentlich bist Du & klein Emma noch gesund & munter, was bei mir auch der Fall. Komme jedenfalls nächsten Sonntag auf Urlaub. Gruß an Jakob, wenn Du wieder schreibst. Herzl. Grüße an Dich [Rest des Texts fehlt]
Seine genaue Verwendung ist unbekannt, sein Werdegang ebenfalls. Aber alleine das Motiv der Feldpostkarte, der Bezug zu Bensheim-Auerbach und die oben genannte familiäre Zuordnung rechtfertigen die Veröffentlichung der Feldpostkarte.



Ein herzliches Dankeschön geht wieder einmal an Herrn Hans Bernhard Schober, der ein weiteres Mal in den "Tiefen der Fotokisten" fündig geworden ist. Danke!


Links und Literaturhinweise


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 19. Mai 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Einquartierungen

Der Krieg bringt Veränderungen. Die Männer und Söhne müssen einrücken, die Versorgungslage der Bevölkerung muss sichergestellt werden und die Privatsphäre erleidet massive Einschnitte, denn es kommt zu Einquartierungen. Was des einen Freud, ist des anderen Leid.

Die Pflicht ruft... es wird einquartiert!

Im Bergsträßer Anzeigeblatt wird in der Rubrik "Vermischtes" kurz auf den Sachverhalt und die Verfahrensweise hingewiesen. Es trifft jeden, aber diejenigen, die Geld haben, können die zugewiesenen Soldaten auch woanders auf eigene Kosten unterbringen und bleiben so in ihrer Privatsphäre ungestört. 

BIAB_Bergstraesser_Anzeigeblatt_19140807_004.jpg; Stadtarchiv Bensheim; Anzeige im Bergsträßer Anzeigeblatt vom 7. August 1914 unter "Vermischtes": Einquartierungen. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die von der Militärbehörde den einzelnen Gebäuden zugeteilte Mannschaft an Einquartierung auf die Inhaber der Wohnungen nach Verhältnis der Größe der letzteren verteilt wird. Hiernach ist auch der Mieter zur Quartierleistung verpflichtet. Die für jedes Gebäude festgesetzte Einquartierung muß auch dann gewährt werden, wenn der Hauseigentümer verreist oder abwesend sein sollte. In diesen Fällen erfolgt die Ausquartierung durch den Bürgermeister auf Kosten des Hauseigentümers oder Mieters. Quartierpflichtigen ist es gestattet, auf ihre Kosten die ihnen zugeteilte Mannschaft auszuquartieren; digitalisiert und zusammengestellt: Frank-Egon Stoll-Berberich 2018.


Der Handel ist vorbereitet... Bett und Matratze müssen her...

Es müssen die einzelnen Haushalte also "aufrüsten". Alles, was ein einquartierter Soldat braucht, bietet der örtliche Handel an:




Links und Literaturhinweise


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Freitag, 27. April 2018

"Draußen ist es heute sehr kalt" - Gefreiter Jakob Seeger schreibt seiner Familie in Auerbach

Gefreiter Jakob Seeger hält sich im Frühjahr 1917 in Lemberg (Lwiw) auf. Lemberg, eine der größten Garnisonen der k.u.k. Monarchie und somit ein Schutz vor dem russischen Zarenreich, fiel 1914 in der Schlacht von Lemberg kurzzeitig in russische Hände, konnte zurückerobert werden, war aber bis zur russischen Revolution immer wieder gefährdet.

Jakob Seeger allerdings kämpft mit der Kälte und zieht sich in das Soldatenheim zurück. Er schreibt:
"geschrieben, den 5.2.1917, Meine Lieben! Sende Euch nochmals die besten Grüße von hier, und hoffe, daß Ihr auch noch alle gesund seid. Habe Euch Lieben gestern auch eine Karte geschickt. Draußen ist es heute sehr kalt, habe mich wieder im Soldatenheim niedergelassen, denn hier ist es schön warm. Sonst wüßte ich nichts neues. Viele Grüße und baldiges Wiedersehen Euer tr. Vater. Schreibt bitte auch bald wieder"
BIAB_HBS_0024.jpg; Bild zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober; Feldpostkarte gelaufen 05.02.1917, Stempel: K.D. Feldpoststation, 5.2.1917. 4-5 N, Nr 268; zusätzlicher Stempel: Deutsches Soldatenheim Lemberg; Absender: Gefreiter [Anm.: Jakob] Seeger, Militär Güter und Paketamt, K.D. Südarmee, deutsche Feldpost 151; Adressat: Frau Marie Seeger, Auerbach (Hessen), Neuer Weg N. 14;  Text: geschrieben, den 5.2.1917, Meine Lieben! Sende Euch nochmals die besten Grüße von hier, und hoffe, daß Ihr auch noch alle gesund seid. Habe Euch Lieben gestern auch eine Karte geschickt. Draußen ist es heute sehr kalt, habe mich wieder im Soldatenheim niedergelassen, denn hier ist es schön warm. Sonst wüßte ich nichts neues. Viele Grüße und baldiges Wiedersehen Euer tr. Vater. Schreibt bitte auch bald wieder; Verlag: Wydawnictwo Salonu Malarzy Polskich w Krakowie 1916; zusammengestellt und transkribiert: Frank-Egon Stoll-Berberich 2018.
Verlag: Wydawnictwo Salonu Malarzy Polskich w Krakowie 1916.



Diese Karte ist als "tragischer Vorbote" zu bezeichnen, denn es wird eine Lungenentzündung sein - zugezogen im kalten Winter 1918 - die Jakob Seeger kurz vor seiner Heimkehr in die hessische Heimat und wenige Tage nach Ende des Krieges, das Leben kosten wird. 

Das ganze Schicksal Jakob Seegers finden Sie hier.


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Samstag, 14. April 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Aufruf an alle 16-jährigen Bensheimer

Bereits zwei Monate nach Ausbruch des Krieges wird alles mobilisiert, was alt genug erscheint, die vaterländischen Pflicht erfüllen zu können. So sollen auch die Bensheimer Jugendlichen ab 16 Jahre militärisch vorgeschult werden und Vereine und Schulen sollen bei der Erhebung der notwendigen Daten helfen. In der Anzeige im Bergsträßer Anzeigeblatt vom 21. September 1914 heißt es:

"Militärische Vorbildung der Jugend während des Kriegszustandes. Nach einem vom Großherzoglichen Ministerium  des Inneren auf Hessen ausgedehnten Erlaß preußischer Behörden, abgedruckt im Amtsverkündigungsblatt Nr. 37 vom 16. September 1914, soll unsere Jugend schon vom 16. Lebensjahre an auf den Militärdienst vorbereitet werden. Da die Erfüllung dieser Aufgabe eine hohe vaterländische Pflicht bedeutet und ein enger Zusammenschluß aller wehrfähiger Personen unbedingte Notwendigkeit ist, richten wir das dringende Ersuchen an die männliche Jugend, soweit sie das 16. Lebensjahr erreicht hat, sich an den geplanten Veranstaltungen recht zahlreich zu beteiligen.
   Anmeldungen auch derjenigen Personen, die hierbei als Führer und Leiter mitwirken wollen, werden bei uns, Zimmer 9, bis spätestens 1. Oktober l. Js. entgegengenommen.
   Die Meldungen solcher jungen Leute, die Vereinen angehören, und diejenigen von Schülern, erfolgen zweckmäßig durch Vermittelung der Vorstände, bezw. Leiter der Schulen. In diesen Fällen sollen die bei uns einzureichenden Listen, Vor- und Zunamen, Geburtstag, Wohnung und berufliche Tätigkeit enthalten.
Bensheim, am 21. September 1914.
Der Bürgermeister: In Vertretung: Denig."



Links und Literaturhinweise

1) vgl. Artikel Westdeutsche Zeitung vom 29. Juli 1914: Erster Weltkrieg an der Heimatfront: Jugendliche an die Waffen (zuletzt besucht am 27.01.2018).
2) vgl. WDR-Homepage: Mit den Augen eines 16-jährigen Soldaten (zuletzt besucht am 27.01.2018)
3) vgl. Homepage "Die Welt der Habsburger", Die Schulfront. (zuletzt besucht am 27.01.2018)


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Samstag, 7. April 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Kriegsbedingte Aufrufe und Werbung


...sind wir genötigt, die Kasse vormittags zu schließen... Arbeitskräftemangel

Nachdem die Mobilmachung beschlossen, der Krieg ausgebrochen war und immer mehr Männer im wehrfähigen Alter ihren Dienst an der Waffe antreten mussten, lichteten sich in der Heimat die Reihen. Arbeitskräfte wurden rar und es musste Ersatz gefunden werden.
Immer mehr traten Frauen[1] an die Stelle der fehlenden Männer, aber auch patriotische Aufrufe sind zu finden, die selbst vor dem wohlverdienten Ruhestand nicht Halt machen.

Die Annonce der Pfälzischen Landesbank[2] - hier die Filiale in Bensheim - im Bergsträßer Anzeigeblatt vom 10.08.1914 weist auf das Problem der fehlenden Arbeitskräfte hin. Die Geschäftsstelle kann nur noch am Vormittag öffnen, denn die Direktion befindet sich an der Front:
"Pfälzische Bank; Wir geben hiermit davon Kenntnis, daß wir den Betrieb der hiesigen Filiale vollständig aufrecht erhalten, obwohl die Herren Direktoren Bernatz und Habich, sowie vier Gehilfen zu der Armee einberufen sind. Zu unserem Bedauern sind wir aber durch den infolge der Mobilmachung eingetretenen Mangel an Personal genötigt, die Kasse bis auf Weiteres nachmittags zu schließen. Die Kassestunden sind für die Folge: 8-12 Uhr vormittags. Wir bitten in diesen schweren Zeiten um geneigtes Entgegenkommen. Filiale der Pfälzischen Bank; Direktion: Lehmann. Steinbacher. (4090)" 



...selbstlose kostenfreie Vertretung... die Rettung naht

Doch Rettung naht, denn in den frühen Stunden des Krieges herrscht noch patriotisches Pflichtgefühl, welches auch einen "privatisierenden" Bewohner Bensheims seinen Teil beitragen lässt. In seiner Anzeige aus dem Bergsträßer Anzeigeblatt vom 10. August 1914 heißt es: 

Heilige Pflicht eines Jeden, dem Alter, Gebrechlichkeit oder Krankheit nicht gestatten, unseren Fahnen zu folgen ist in diesen schweren Tagen, seine Zeit und Kraft, sein Wissen und Können in den Dienst der Zurückgebliebenen zu stellen!
Gerade den alten privatisierenden Kaufleuten bietet sich jetzt Gelegenheit, helfend einzugreifen, indem sie die Vertretung der einberufenen Kollegen übernehmen und mache ich daher den Anfang, indem ich diejenigen Geschäfte ersuche, denen eine selbstlose kostenfreie Vertretung erwünscht ist, vertrauensvoll sich an mich zu wenden.; M. L. Wolff, Ernst-Ludwigstr. 36. Bensheim, den 7. August 1914"


Links und Literaturhinweise

[1] Dossier der Bundeszentrale für Politische Bildung: Frauenarbeit und Geschlechterverhältnisse (zuletzt besucht am 25.01.2018)
[2] Im Jahre 1902 übernahm die Pfälzische Bank die Volksbank Bensheim eGmbH und ihre Filialen, die wiederum 1921 von der Rheinischen Creditbank und 1929 von Deutschen Bank übernommen wurde. Quelle: http://www.bankgeschichte.de/de/content/839.html (zuletzt besucht am 25.01.2018)


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Dienstag, 27. März 2018

Fotografie des Dragoners Paul Klein aus Bensheim Auerbach, gefallen im August 1916 in Frankreich

Wieder einmal hat Herr Hans Bernhard Schober ein Zeitdokument aus dem Ersten Weltkrieg zur Verfügung gestellt, welches die Geschichte der Bensheimer im Ersten Weltkrieg um ein weiteres Puzzleteilchen ergänzt.

Paul Kleins Name wird auf dem Ehrenmal in Bensheim Auerbach geführt und dort sein Tod mit dem Datum 16.08.1916 angegeben. Das unten angeführte Bild zeigt ihn als Dragoner - so die Aufschrift auf der Rückseite des Bildes: "Dragoner Paul Klein, gefallen August 1916 bei () Frankreich" - wobei die Angaben in Bezug auf auf den Sterbeort und das Sterbedatum unvollständig sind.

Bei den Recherchen nach Paul Klein fällt auf, dass:
a) sein Name sich nicht in den Online-Listen des Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V. finden lässt,
b) der Name Paul Klein - eingegrenzt durch das ungefähre Todesdatum - in den Verlustlisten nur als "schwer verwundet" auftaucht (Deutsche Verlustliste Nr. 601., 8. August 1918, Seite 13876, Reichenbach, Landwehr-Infanterie-Regiment 84). 

Inwiefern die Uniform, die Zugehörigkeit zur Landwehr (Hinweise Verlustlisten und Ehrenmal) und der Hinweis auf den Fotografen "Atelier A. Nolden Cöln-Deutz, Freiheitsstraße 55" weitere Möglichkeiten bieten, den Werdegang und das Schicksal des Paul Kleins zu erschließen, ist unklar.


BIAB_HBS_0023.jpg; Bild zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober; Fotografie mit Aufschrift auf der Rückseite "Dragoner Paul Klein, gefallen August 1916 bei () Frankreich". Das Bild wurde vom Fotografen "Atelier A. Nolden Cöln-Deutz, Freiheitsstraße 55" gefertigt. Auf dem Ehrenmal in Bensheim Auerbach wird der Dragoner Paul Klein ebenfalls erwähnt. Hier lautet die Inschrift "Klein, Paul  Ldwhr. Frankreich gefallen 16.08.1916"; Nachlass Paul Klein, Bensheim; Bild zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober, zusammengestellt von Frank-Egon Stoll-Berberich 2017.

Ehrenmal Bensheim-Auerbach


Weitere Details zum Ehrenmal in Bensheim Auerbach finden Sie hier.


Links und Literaturhinweise



© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 3. März 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Patriotische Aufrufe

... gemeinsam sind wir stark...

Der Krieg ist erst ein paar Tage alt, das, was noch kommen wird, liegt fern ab jeder Vorstellung und wird alles, was bisher als Krieg bezeichnet wurde, in den Schatten stellen. 
Doch noch ist Patriotismus gefragt und so verwundert es nicht, dass etliche Aufrufe und Anzeigen an das "Zusammenhalten" appellieren und jeder trägt auf seine / ihre Art und Weise etwas dazu bei, nicht den Mut zu verlieren: 

An Deutschlands Frauen und Mädchen.

An Deutschlands Frauen und Mädchen
Wenn unsre Söhne, unsre Männer, unsre Brüder
in großen Scharen ziehen jetzt hinaus,
um kampfbereit und bis aufs äußerste entschlossen,
zu schützen Vaterland und Herd und Haus,
dann ist es unsre Pflicht, ihr deutschen Frauen und Mädchen,
nun doppelt tapfer, doppelt stark zu sein,
und alle Klagen alles Zagen zu verschließen
in unsres Herzens tiefstem Kämmerlein!
Es geht schon schwer genug der Vater von den Seinen,
der Sohn von seinen alten Eltern fort, -
erschwert die Trennung nicht mit Jammer und mit Tränen,
voll Zuversicht sei euer Abschiedswort!

Es ist im ganzen Deutschen Reiche seine Hütte,
es ist im ganzen Reiche sein Palast,
in dem nicht - glaub' es mir nur, liebe Seele -
die Sorge einzog, als ein trüber Saft!
Und daß wir alle, jung und alt, und hoch und nieder,
gemeinsam bangen um das Vaterland,
das bringt Versöhnung, und das schließt um unsre Herzen
ein heiliges, ein treues, festes Band!
Nein - klagt und zagt nicht - deutsche Frau'n und Mädchen!
Laßt uns voll Mut und festem Gottvertraun,
als tapfre Kameraden unsrer tapfren Streiter,
mit hellen Augen in die Zukunft schau'n!
(Aus dem Mannheimer Tageblatt) Lina Sommer"


Mitbürger. Schwere Zeit ist über uns hereingebrochen...

Was Lina Sommer in einem Gedicht ausdrückte, versucht der "Bensheimer Ausschuß" - bestehend aus einer Vielzahl von Bensheimer Größen durch das Sammeln von Spenden:

Mitbürger. Schwere Zeit ist über uns hereingebrochen. Ein furchtbarer Krieg ist uns aufgezwungen worden und die waffenfähigen Männer sind mit Armee und Marine ausgerückt, des Reiches Grenzen zu verteidigen. Viel Not und Elend gibt es bald zu lindern; auch in unserer Stadt sind viele Familien des Ernährers beraubt. Um die nötigsten Bedürfnisse zu befriedigen, bedarf es viel Geld und Hilfe jeder Art. Es gilt die Sorge unserer Kämpfer, die für uns bluten, dadurch zu erleichtern, daß wir bei den Zurückgebliebenen die drückendste Not bessern. Wie bereits durch die Presse bekannt gegeben, hat sich hier ein Ausschuß für freiwillige Hilfstätigkeit gebildet, der bestrebt ist, die nötigen Geldmittel zu beschaffen. Eine Liste wird in den nächsten Tagen von Haus zu Haus gehen. Mitbürger, unterstützt die Sammlung, steuere Jeder nach seinen Kräften bei!
Bensheim , den 6. August 1914.
Der Ausschuß: Adolf Bendheim, Kaufmann Jaeger, Justizrat Krenkel, Oberstadtsekretär Möller, Pfarrer Gustav Müller, Roos, Stadtrechner, Weller, Polizeikommissar, Zaubitz, Dekan



Segen von oben....

Die jüdische Gemeinde in Bensheim schließt sich an und betet täglich zweimal für die Frontsoldaten in der Bensheimer Synagoge. In einer kleinen Anzeige heißt es unter "Verschiedenes":

"Laut Anordnung Großherzoglichen Rabbinats Darmstadt II. findet anläßlich der Truppenabmärsche in der Bensheimer Synagoge ein Bittgottesdienst statt. Ferner wurde bestimmt, daß bis auf weiteres täglich in einem morgens und abends abzuhaltenden Gottesdienste der Krieger gedacht werden soll."



© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 17. Februar 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Die ersten Todesanzeigen

Geht man nach den Traueranzeigen im Bergsträßer Anzeigeblatt, so taucht die erste Traueranzeige, die den Tod eines Bensheimers beklagt bereits am 19. August auf, also schon 22 Tage nach Ausbruch des großen "Völkerringens".

Danach folgen schnell weitere Anzeigen, allerdings werden in diesen auch den im Bensheimer Lazarett verstorbenen Kameraden gedacht.

Die Anzeigen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Diese Unterschiede betreffen die Größe, die Ausführlichkeit der Texte und der darin enthaltenen persönlichen Informationen.

Franz Ohlemüller ~ 18.08.1914

Bergsträßer Anzeigeblatt
Am 19. August 1914 heißt es im Bergsträßer Anzeigeblatt:
"Todes-Anzeige. Der liebe Gott hat es gewollt, daß unser innigstgeliebter Sohn, unser unvergeßlicher Bruder, Schwager und Onkel Franz Ohlemüller im Dienste des Vaterlandes im Alter von 22 Jahren sein Leben lassen mußte. Um stille Teilnahme bitten: Die trauernden Hinterbliebenen. Bensheim, den 18. August 1914. (4173)"
Auffallend ist hierbei, dass im Vergleich zu den vielen anderen darauffolgenden Todesanzeigen im Bergsträßer Anzeigeblatt das Eiserne Kreuz fehlt und dafür das in den regulären Todesanzeigen verwendete Kreuz zu finden ist.


Verlustlisten
Bei der Suche nach Opfern aus Bensheim, ergeben die Verlustlisten für "Franz Ohlemüller" keinerlei Einträge.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name "Franz Ohlemüller" nur auf dem Denkmal und somit ohne genauere Angaben zum Geburts- und Todestag finden.


Wilhelm Franz Niestattkötter 30.08.1914


Da Wilhelm Franz Niestattkötter (15.04.1886 - 30.08.1914) weder gebürtiger Bensheimer war, noch in Bensheim wohnte, fühlte sich der Kriegerverein Bensheim dazu verpflichtet den im Bensheimer Lazarett verstorbenen, aus Westfalen stammenden Kameraden würdig beizusetzen. Dass es dabei zu einem Schreibfehler kommt, ist vermutlich der besonderen Situation (fehlende Angehörige und schnelle Beisetzung) geschuldet.

Bergsträßer Anzeigeblatt
Insbesondere die ausführliche Beschreibung des Ehrengeleits - wohl das erste Geleit für den Bensheimer Kriegerverein in diesem Krieg - macht diese Traueranzeige besonders, zudem verwendet der Kriegerverein das Eiserne Kreuz von 1870. In der Anzeige heißt es:
"Kriegerverein Bensheim. Der Kamerad Landwehrmann Wilhelm Franz Niestattketter, Bergmann aus Waltrop in Westfalen, gedient in der 2. Komp. des 5. bayr. Jägerbataillons ist im hiesigen Lazarett (Hospital) seinen Wunden erlegen. Er starb den Heldentod fürs Vaterland. 
Die Beerdigung findet Dienstag, den 1. September d. Js., vormittags 11 Uhr vom Hospital aus statt. Um den verstorbenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, laden wir die Mitglieder des Kriegervereins Bensheim zu recht zahlreicher Beteiligung bei der Beerdigung ein. 
Zusammenkunft im Hospitalhof 10 3/4 Uhr. Schwarzer Anzug und Hut, Hassiabazeichen, Orden und Ehrenzeichen. Bensheim, den 31. August 1914. 
Der Vorstand des Kriegervereins Bensheim. (4296)"


Verlustlisten
In den digital verfügbaren Verlustlisten taucht der Name - auch in beiden Schreibweisen - nicht auf.


Bensheimer Friedhof
Wilhelm Franz Niestattkötter wurde auf dem Bensheimer Ehrenfriedhof beigesetzt und er hat einen eigenen Grabstein (Grabstein No. 52). Die Inschrift auf dem Hügelgrabstein zeigt den Vornamen in umgekehrter Reihenfolge, also anstelle von Wilhelm Franz, Franz Wilhelm.


Ferdinand Cellarius 06.09.1914

Nur durch die präzisen Angaben in der Traueranzeige ist es möglich, die genauen Geburts- und Todesdaten zu entnehmen, allerdings nennen die Hinterbliebenen nur seinen Kosenamen, denn Ferdy hieß offiziell Ferdinand (25.07.1892 - 06.09.1914)

Bergsträßer Anzeigeblatt
Dem Dienstgrad entsprechend fällt diese Traueranzeige - veröffentlicht am 21. September 1914 - sowohl größer, als auch würdevoller aus. Die Anzeige wird gekrönt vom Eisernen Kreuz 1914 (vgl. Anzeige Niestattkötter).

"Am 6. September starb den Heldentod für Kaiser und Vaterland in treuer Pflichterfüllung mein einziger geliebter Sohn, mein treuer Bruder, unser lieber Enkel und Neffe, Ferdy Cellarius, Leutnant im Inf. Regt. 98 Metz.
Er vollendete am 25. Juli sein 22. Lebensjahr. In tiefem Schmerz: Anna Cellarius, geb. Rosmann, Maria Cellarius.
Bensheim, den 20. September 1914. Wir bitten herzlich von Beileidsbesuchen abzusehen. (4583)"



Verlustlisten
In der Deutschen Verlustliste vom 01.11.1914, Ausgabe 165, Preußen 66, Seite 2141 heißt es im Abschnitt Infanterie-Regiment 98, Metz, 8. Kompagnie: "Lt. Ferdinand Celarius, verm. Cellarius, Alsfeld, gefallen".

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Johann Ohlemüller ~ 07.09.1914
Auch wenn eine Todesanzeige vorliegt, so sind die Angaben - auch unter Berücksichtigung der anderen Quellen - eher dürftig. So lässt sich der Todeszeitpunkt nur anhand Anzeige grob abschätzen, das tragische Ereignis dürfte sich etwas länger vor Erscheinen der Anzeige sich zugetragen haben.

Bergsträßer Anzeigeblatt
In einer sehr kleinen Anzeige, das Kreuz weist keine Details auf, heißt es:
"Todes-Anzeige. Unser innigstgeliebter Gatte, Vater, Sohn, Bruder, Schwiegersohn, Onkel und Pate Johann Ohlemüller III. starb den Tod fürs Vaterland bei der 11. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 118 im Alter von 27 Jahren. Dies zeigen tiefbetrübt an mit der Bitte un stille Teilnahme Die trauernden Hinterbliebenen. Bensheim, 7. September 1914. (4359)"

Verlustlisten
In den digitalen Verlustlisten lassen sich keine Einträge finden, die sich auf Johann Ohlemüller beziehen.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Simon Eichheimer ~ 08.09.1914
Vielleicht aufgrund des Zusatzes am Ende der Traueranzeige die bewegendste Anzeige, denn neben der Witwe trauern 4 Kinder um den 30-jährigen Vater.

Bergsträßer Anzeigeblatt
"Todes Anzeige. Im Dienste des Vaterlandes starb den Heldentod im Lazarett in Monzon (Frankreich) an den Folgen der erhaltenen Verletzungen im Gefecht bei Monzon der Wehrmann vom 118ten Infanterie-Regiment, 
Simon Eichheimer wohlversehen durch die Tröstungen der hl. Kirche im 30. Lebensjahre. Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen unseren treubesorgten Gatten und Vater, Bruder, Schwager und Onkel.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Frau Marie Eichheimer und 4 Kinder.
Bensheim, den 8. Sept. 1914. Das Seelenamt findet am Freitag Vormittag 6 Uhr in der Pfarrkirche statt. (4382)"



Verlustlisten 
Simon Eichheimers Name lässt sich gleich zweimal in den Verlustlisten finden:

  • Am 14.10.1914 gibt die Deutsche Verlustliste (Preußen No. 103), Seite 1257 bekannt: "Wehrmann Eichheimer, Simon - Bensheim - leicht verwundet."
  • Am 13.03.1916 heißt es in der Deutschen Verlustliste (Preußen No. 478), Ausgabe 905, Seite 11597: "Reserve-Infanterie-Regiment 118, Berichtigung früherer Angaben: Eichheimer, Simon (2. Komp.) - Bensheim - bisher verw., †."

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Heinrich Bub 12.03.1887 - 13.09.1914
Im Falle Heinrich Bubs liegen sogar zwei Traueranzeigen vor, allerdings keine, die von den Angehörigen initiiert wurde. Vielmehr sind es der Arbeitgeber und die Kollegen, die Bubs gedenken. Bei der Recherche stellte sich ein weiteres Mal heraus, dass die Verlustlisten mehr als unzureichend sind, wenn es darum geht, die Details zum Tode oder zu den Personendaten zu erfassen. Das in der vom Firmenchef gestellten Anzeige genannte Todesdatum ist allerdings falsch.

Bergsträßer Anzeigeblatt

Anzeige No. 1:
"Am 16. ds. Mts. starb im Lazarett zu Coblenz an den Folgen einer im Kampfe für das Vaterland erlittenen schweren Verwundung mein treuer Arbeiter Heinrich Bub, Reservist im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 118. In treuester Pflichterfüllung für Kaiser und Reich hat er sein Leben hingegeben. Ehre seinem Andenken. W. Euler. Bensheim, den 17. September 1914. (4491)"

Anzeige No. 2:
"Nachruf. Den Heldentod für das Vaterland starb unser lieber Mitarbeiter Heinrich Bub Reservist im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 118. Wir verlieren in ihm einen aufrichtigen Freund und treuen Arbeitskollegen, dessen Andenken wir in hohen Ehren halten werden. Das Personal der Firma W. Euler. Bensheim, den 17. September 1914 (4490)." 


Verlustlisten
In der Deutschen Verlustliste No. 103 vom 14.10.1914, Preußen 50, Seite 1257 heißt es: "Wehrmann Heinrich Bub - Bensheim - leicht verwundet."

Wie die Anzeigen vermelden und der Tod belegt, müssen die Verwundungen schwer gewesen sein und nicht wie in der Verlustliste vermeldet, leicht.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof wird Heinrich Bub sowohl auf dem Denkmal, als auch auf dem Friedhof in Form eines Grabsteines (Nr. 23) gedacht.


Clemens Helbing 19.02.1881 - 17.09.1914
Auch wenn die Traueranzeige von Clemens Helbig spricht, so scheint der Name Helbing richtig zu sein. Denn dieser taucht sowohl so in den Verlustlisten als auch auf dem Bensheimer Friedhof so auf. Somit wären die beiden verfügbaren Traueranzeigen, die vom Kriegerverein initiiert worden sind, beide falsch.

Bergsträßer Anzeigeblatt
Wieder bemüht sich der Kriegerverein um eine ausführliche Traueranzeige, die hauptsächlich ein Aufruf an die Mitglieder ist, den Verstorbenen doch gebührend auf seinem letzten Weg zu begleiten.

Es heißt:
"Krieger-Verein Bensheim. Der Kamerad, Landwehrmann Clemens Helbi[n]g, Metzgermeister aus Schmottseifen (Schlesien), gedient im 5. Res.-Jäger_Bat. Nr. 5 in Hirschberg ist im hiesigen Lazarett (Hospital) seinen Wunden erlegen. Er starb den Heldentod fürs Vaterland.
Die Beerdigung findet Samstag, den 19. September 1914, vormittags 11 Uhr vom Hospital aus statt.
Um dem verstorbenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, laden wir die Mitglieder des Kriegervereins Bensheim zu recht zahlreicher Beteiligung bei der Beerdigung ein. Auch die Mitglieder des hiesigen Veteranen- und Soldatenvereins sind zu dieser letzten Ehrung kameradschaftlichst eingeladen. 
Zusammenkunft im Hospital 10 3/4 Uhr. Schwarzer Anzug und Hut. Hassiaabzeichen, Orden und Ehrenzeichen.
Bensheim, den 18. September 1914. Der Vorstand des Krieger-Vereins Bensheim. (4511)."

Verlustlisten
In den Verlustlisten taucht Clemens Helbing zweimal auf:
  • Am 27.09.1914 nennt die Deutsche Verlustliste No. 55, Preußen No. 36, Seite 574: "Jäger Clemens Helbing - Schmothseifen, Kreis Löwenberg - leicht verwundet."
  • Am 20.10.1914 heißt es in der Deutschen Verlustliste No. 125, Preußen No. 55, Seite 1553: "Jäger Clemens Helbing - Schmothseifen, Löwenberg - bisher verwundet, ist tot.
Bensheimer Friedhof 
Auf dem Grabstein Nr. 100 findet sich sein Name nebst Geburts- und Todesdatum: 19.02.1881 - 17.09.1914.


Bensheim-Auerbach
Da auf dieser Seite auch das Ehrenmal in Auerbach behandelt wurde, sollen die ersten Gefallenen aus Auerbach nicht verschwiegen werden.
Die ersten Toten hatte Auerbach ebenfalls schon im August 1914 zu beklagen, nämlich:

  • Unteroffizier Richard Alexander Wagner. Er fiel am 22.08.1914 in Belgien.
  • Musketier Georg Merkel. Er fiel am 22.08.1914 in Belgien.
  • Unteroffizier Karl Schlosser. Er fiel am 22.08.1914 in Frankreich.



Links und Literaturhinweise

Die Deutschen Verlustlisten - Suche über genealogy.net


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Freitag, 9. Februar 2018

Militäreisenbahnanwärter Philipp Seeger schreibt seinem Bruder Jakob Seeger

Philipp und Jakob Seeger dienten beide bei einem Eisenbahnregiment. Während Jakob Seeger im Osten eingesetzt wird, ist sein Bruder in Belgien als Militäreisenbahnanwärter im Einsatz. 

Stolz zeigt er sich auch dem Feldpostkartenmotiv mit seinen Kameraden, im Hintergrund erkennt man Eisenbahnanlagen.
"Feldpostkarte, Absender: Philipp Seeger; Adressat: Familie Jakob Seeger, Auerbach an der Bergstraße, Hessen Darmstadt, Rodauerstraße; Text: Hal [Anm.: Halle in Belgien, französisch Hal] 16.10.1914; Liebe Schwägerin. Ich bin jetzt vierzehn Tage hier. Es gefällt mir sehr gut. Habe Jakob geschrieben. Hoffentlich geht es Euch noch gut was bei mir auch der Fall ist. Die besten Grüße aus der Ferne sendet Philipp; Aufschrift Vorderseite: Abs. Militäreisenbahnanwärter Seeger in Hal bei Brüssel"
BIAB_HBS_0021.jpg; Bild zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober; Feldpostkarte, Absender: Philipp Seeger; Adressat: Familie Jakob Seeger, Auerbach an der Bergstraße, Hessen Darmstadt, Rodauerstraße; Text: Hal [Anm.: Halle in Belgien, französisch Hal] 16.10.1914; Liebe Schwägerin. Ich bin jetzt vierzehn Tage hier. Es gefällt mir sehr gut. Habe Jakob geschrieben. Hoffentlich geht es Euch noch gut was bei mir auch der Fall ist. Die besten Grüße aus der Ferne sendet Philipp; Aufschrift Vorderseite: Abs. Militäreisenbahnanwärter Seeger in Hal bei Brüssel; zusammengestellt und transkribiert: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017.



© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2017, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 20. Januar 2018

Georg Seeger - Von der Auerbacher Kapelle zur Regiments-Musik

Die Familie Seeger aus Auerbach ist ja bereits aus den Beiträgen über Jakob Seeger bekannt. Georg Seeger schreibt heute eine Feldpostkarte aus - vermutlich Wetzlar - an seinen Bruder Jakob Seeger.

Georg Seeger - beim Musikkorps des Reserve Infantrieregiments 81 - schreibt:
"geschrieben, den 12.09.1916; Lieber Bruder! Deine Karte erhalten. Besten Dank. Wie ich darüber erfahre, geht es noch dir gut, was auch bei mir der Fall ist. Ich hoffe auch bald wieder einmal auf Urlaub kommen zu können. Herzliche Grüße sendet Dein Bruder Georg. Abs: Wehrm. Gg. Seeger 6. Komp R. I. R. 81, Reg. Musik"


Vermutlich fand Jakob Seeger zu der Einheit aufgrund seiner musikalischen Fähigkeiten, denn die Mitglieder der Familie Seeger waren in Auerbach als Kapelle ebenfalls bekannt. Hierzu lässt sich bei LAGIS folgender Eintrag finden:

Die Kapelle Seeger spielt in Bensheim zur Musterung, 1907-1908

Quelle: „Die Kapelle Seeger spielt in Bensheim zur Musterung, 1907-1908“, in: Historische Bilddokumente <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bd/id/198-114> (Stand: 20.4.2011)