Samstag, 1. Dezember 2018

Romantische Feldpostkarten und Ansichtskarten aus Österreich - Eine tragisch-schöne Geschichte aus dem Pinzgauer Fusch

Margareth Embacher (1898 - 1984)
Eigentlich sollten auf diesem Blog nur Bensheimer Geschichten erzählt werden, aber hier gebietet es der Anstand und zwingt mich die Geschichte dazu, das Sonderthema "Bensheimer im Ersten Weltkrieg - GOES AUSTRIA" zu eröffnen.

Im traumhaft schönen Pinzgauer Fusch an der Großglocknerstraße wurde im Jahre 1898 Margareth Embacher als Tochter des Embachbauers geboren. Das Leben im Pinzgau war hart und entbehrungsreich, die Menschen lebten traditionell und ihr Leben war von der harten und gefährlichen Arbeit in den engen und steilen Tälern des Salzburger Landes geprägt. Margareth, genannt Gretl, Embacher verliebte sich als junge Frau in einen aus Niederösterreich stammenden jungen Mann und man schrieb sich Briefe und Ansichtskarten, von denen 14 erhalten sind. 

Leider endete diese Romanze und Gretl fand einen neuen Partner mit dem sie zwei uneheliche Kinder hatte, ein zu dieser Zeit und Gesellschaft schweres Vergehen. Damit war ihr und das Schicksal ihrer Kinder besiegelt. Die "in Schande" geborenen Kinder wurden ihr entrissen und die "Sündige" musste von da an ein nach heutigen Maßstäben fast unerträglich hartes Leben führen.1 

Ich lernte Gretl kennen und auch wenn sie von der von ihr geduldeten erbarmungslosen Härte gezeichnet war, so erinnere ich mich an ihr mildes, liebevolles Lächeln und ihre freundliche Art. Mögen diese wenigen, hier präsentierten Zeitzeugnisse an diese Dame erinnern... an Gretl Embacher (1898 - 1984).

Die Ansichtskarten von "Seppl" und "Gretl"

14 Ansichtskarten sind von Gretls Romanzen erhalten geblieben. Zwei davon tragen den Stempel "K.u.K. Schweres Feldartillerie Regiment Nr. 3 Batterie 1". Ein Regiment, dessen Geschichte und Einsatzgebiete aufgrund der häufigen Umbenennungen von Einheiten während des Ersten Weltkrieges nur schwer nachvollziehbar ist. Für den Soldaten "Josef G.", genannt "Seppl", scheint es aber ein "gutes" Regiment gewesen zu sein, denn er überlebte den Krieg.

Nach dem Kriege hielt die Romanze an und diese zwölf Postkarten tragen zum Teil - zu einem leider nur geringen Teil - noch die Briefmarken nebst Poststempel. Diese ermöglichen, oder hätten ermöglicht, die Briefe zu datieren. Bis in die 1920er Jahre schrieben sich die Verliebten. Die verbliebenen Briefmarken sind interessant, da sie zum einen die Aufschrift "Kaiserliche Königliche Österreichische Post" zum anderen die Aufschrift "Deutschösterreich" tragen. Die erste Aufschrift stammte noch aus der Zeit der Monarchie,  die zweite hingegen aus den Jahren 1920 bis 1921, wobei der Begriff "Deutschösterreich", der auch im Kaiserreich für die deutschsprachigen Gebiete verwendet wurde, für kurze Zeit der Name der nach dem Krieg neugegründeten Republik darstellte.

Briefmarke 10 Heller Kaiserliche Königliche Österreichische Post, Gestaltung: Rudolf Junk. Briefmarke 10 Heller Deutschösterreich, Gestaltung: J.F. Renner. Briefmarke 40 Heller Deutschösterreich, Gestaltung: J.F. Renner. Briefmarke 50 Heller Deutschösterreich, Gestaltung: J.F. Renner.

Zeigt die K.u.K. Briefmarke (links) noch die Kaiserkrone, so ziert die zweite Briefmarke bereits der einköpfige österreichische Adler mit Mauerkrone, Hammer und Sichel (die Hauptstände der Gesellschaft repräsentierend). Die zwei rechten Briefmarken, die wie die zweite Marke von J.F. Renner entworfen wurden, zeigen einen knienden Mann.2

Die Postkarten im Einzelnen


Auf einsamen Posten...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Auf einsamen Posten... Im Geiste glaube ich Deine liebe Stimme zu vernehmen.", K.u.K. Felpost, gelaufen: 23.VII.[...]; Zusatzstempel: K.u.K. schweres Feldartillerieregiment Nr. 3 Batterie Nr. 1; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau Land Salzburg; Text: "Deine Karte vom 17 / 7 Dankend erhalten, freut mich Dich gesund zuwissen was auch bei mir der Fall ist. Warte mit Sehnsucht auf Br[ief]. Herzensgrüsse sendet Dir J.G."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Auf einsamen Posten... Im Geiste glaube ich Deine liebe Stimme zu vernehmen.", K.u.K. Felpost, gelaufen: 23.VII.[...]; Zusatzstempel: K.u.K. schweres Feldartillerieregiment Nr. 3 Batterie Nr. 1; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau Land Salzburg;

Text: "Deine Karte vom 17 / 7 Dankend erhalten, freut mich Dich gesund zuwissen was auch bei mir der Fall ist. Warte mit Sehnsucht auf Br[ief]. Herzensgrüsse sendet Dir J.G."


Nochmals innigste Busserl...



Ansichtskarte, K.u.K. Felpostamt 628, gelaufen: 2.VIII.1918; Zusatzstempel: K.u.K. schweres Feldartillerieregiment Nr. 3 Batterie Nr. 1; Adressat: An Wohlg. Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter in Fusch - Pinzgau, Salzburg;

Text: "am 1. August 1918, Liebste Gretl! Liebes Briefl und Karte erhalten. Danke dir, freut mich immer von dir ein paar Zeilen zuerhalten. Bin gesund [...] Werde wenn ich leichter Zeit habe schon wieder ein Briefl folgen lassen. Herzliche Grüsse sendet dir Josef. Lebe Wohl. Nochmals innigste Busserl. Zusatz links: J. G., KuK schweres Artl Rgt No. 1/3, Feldpost No. 628."


Die herzlichsten Grüße von der Heimreise...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Kurort Meran in Südtirol", gelaufen: [...]; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau Land Salzburg; Text: "am 10.11.1918, Liebste Gretl, Dir die herzlichsten Grüsse auf der Heimreise sendet Dein lieber Josef. auf baldiges Wiedersehen, auch ganz liebe Grüße Frau [...]"

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Kurort Meran in Südtirol", gelaufen: [...]; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau Land Salzburg;

Text: "am 10.11.1918, Liebste Gretl, Dir die herzlichsten Grüsse auf der Heimreise sendet Dein lieber Josef. auf baldiges Wiedersehen, auch ganz liebe Grüße Frau [...]"


Herzliche Grüße aus Innsbruck...



Ansichtskarte mit Aufschrift: "Liebesgeflüster. O laß mein Herz an deinem schlagen, Laß mich nur einmal glücklich sein, Dann will ich gern das Ärgste tragen, Für dich und für den Kaiser mein!", gelaufen: [...]; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter, in Fusch - Pinzgau Ld. Salzburg;

Text: "[...] herzliche Grüsse aus Innsbruck sendet Josef. Heil aufs [...]."


Herzlichste Grüße aus Wien...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Wien I. - Blick auf die Hofmuseen", gelaufen: [...]; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachbauer, Fusch, Pinzgau, Land Salzburg; Text: "Liebste Gretl. Sende Dir die herzlichsten Grüße aus Wien. Dein Sepl."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Wien I. - Blick auf die Hofmuseen", gelaufen: [...]; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachbauer, Fusch, Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "Liebste Gretl. Sende Dir die herzlichsten Grüße aus Wien. Dein Sepl."


1000 Grüße und Küsse...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Immer wieder lass mich's sagen: Dir gilt meines Herzens Schlagen!"", gelaufen: [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Embach-Bauerntochter in Fusch, Pinzgau, Land Salzburg; Text: "Liebste Gretl! dein Brieflein erhalten, hat mich sehr gefreut nach langem wieder was hören läßt. Werde dir schon in Kürze eines senden auch. Sonst gesund? Ich auch! 1000 Grüsse und Küsse. Dein unvergeßlicher Seppl"

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Immer wieder lass mich's sagen: Dir gilt meines Herzens Schlagen!"", gelaufen: [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Embach-Bauerntochter in Fusch, Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "Liebste Gretl! dein Brieflein erhalten, hat mich sehr gefreut nach langem wieder was hören läßt. Werde dir schon in Kürze eines senden auch. Sonst gesund? Ich auch! 1000 Grüsse und Küsse. Dein unvergeßlicher Seppl"


In Kürze folgt Brief...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Jung muß man sein! Jung muß man sein, wenn man singen will, Jubelnd beim Safte der Reben, Jung muß man sein, jung muß man sein, Will man des Lebens sich freu'n!" gelaufen: .[...]; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter, in Fusch, Pinzgau; Text: "Liebste Gretl! Habe dein Schreiben alles erhalten herzlichen Dank. Verzeihe daß du von mir nichts erhalten hast, denn ich bin immer krank an Grippe. In Kürze folgt Brief. Dein Josef."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Jung muß man sein! Jung muß man sein, wenn man singen will, Jubelnd beim Safte der Reben, Jung muß man sein, jung muß man sein, Will man des Lebens sich freu'n!" gelaufen: .[...]; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter, in Fusch, Pinzgau;

Text: "Liebste Gretl! Habe dein Schreiben alles erhalten herzlichen Dank. Verzeihe daß du von mir nichts erhalten hast, denn ich bin immer krank an Grippe. In Kürze folgt Brief. Dein Josef."


Nochmals viele Busserl...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "A Busserl. A Busserl is a schnuckrig Ding, mer weiß net, wie es tut, mer ißt es nit, mer trinkt's auch nit, Und dennoch schmeckt's so guat", Verlag: R&K L. 8712/6; gelaufen: [...]; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter in Fusch, Pinzgau; Text: "Liebste Gretl; Viele herzliche Grüße aus ... sendet d. Josef. Verzeihe, daß ich nicht zum Briefe schreiben kam, das nächstemal bestimmt. Nochmals viele Bußerl; Zusatz oben links: Schreibe bald."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "A Busserl. A Busserl is a schnuckrig Ding, mer weiß net, wie es tut, mer ißt es nit, mer trinkt's auch nit, Und dennoch schmeckt's so guat", Verlag: R&K L. 8712/6; gelaufen: [...]; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter in Fusch, Pinzgau;

Text: "Liebste Gretl; Viele herzliche Grüße aus ... sendet d. Josef. Verzeihe, daß ich nicht zum Briefe schreiben kam, das nächstemal bestimmt. Nochmals viele Bußerl; Zusatz oben links: Schreibe bald."


Deinen Brief mit innigstem Dank erhalten...


Ansichtskarte mit Aufschrift (Verlag NPG): "Es war zur Zeit der Fliederblüte... Heiß klopfte Dir das Herz im Mieder, Ich fühlt's am Beben Deiner Hand, Es duftete so schwül der Flieder, Noch schürend uns'rer Sinne Brand.", gelaufen: unbekannt; Stempel: [...] Hainfeld; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher b. Embachbauern in Fusch, Pinzgau, Salzburg; Text: "Liebste Gretl! Dein Brieflein mit innigstem Dank erhalten. 1000 Grüsse und Küsse. [Brief] folgt. Dein Seppl."

Ansichtskarte mit Aufschrift (Verlag NPG): "Es war zur Zeit der Fliederblüte... Heiß klopfte Dir das Herz im Mieder, Ich fühlt's am Beben Deiner Hand, Es duftete so schwül der Flieder, Noch schürend uns'rer Sinne Brand.", gelaufen: unbekannt; Stempel: [...] Hainfeld; Adressat: An Fräul. Gretl Embacher b. Embachbauern in Fusch, Pinzgau, Salzburg;

Text: "Liebste Gretl! Dein Brieflein mit innigstem Dank erhalten. 1000 Grüsse und Küsse. [Brief] folgt. Dein Seppl."


Was ist es, daßt nie schreibst?


Ansichtskarte mit Aufschrift: "O schöne Zeit, o sel'ge Zeit; Wir gingen schweigend Arm in Arm, Das Herz so voll, das Herz so warm, Die blauen Augen dein o Maid, Erstrahlten hell in Seligkeit.", Verlag: L&P 6188/VI, gelaufen: [...] Wiener Neustadt; Adressat: An Wohlg. Fräulein Gretl Embacher, Embachbauer in Fusch - Pinzgau, Land Salzburg; Text: "am 14./11 1920, Liebste Gretl! Muß wieder paar Zeilen senden, hoffe dich gesund zu finden! Hast meinen Brief erhalten, oder? Was ist es, daßt nie schreibst! Also hoffe daß bald ein Brief. Es grüßt dich und küßt dich dein unvergeßlicher Sepl."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "O schöne Zeit, o sel'ge Zeit; Wir gingen schweigend Arm in Arm, Das Herz so voll, das Herz so warm, Die blauen Augen dein o Maid, Erstrahlten hell in Seligkeit.", Verlag: L&P 6188/VI, gelaufen: [...] Wiener Neustadt; Adressat: An Wohlg. Fräulein Gretl Embacher, Embachbauer in Fusch - Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "am 14./11 1920, Liebste Gretl! Muß wieder paar Zeilen senden, hoffe dich gesund zu finden! Hast meinen Brief erhalten, oder? Was ist es, daßt nie schreibst! Also hoffe daß bald ein Brief. Es grüßt dich und küßt dich dein unvergeßlicher Sepl."


Schreib Dir a Kartl...




Ansichtskarte mit Aufschrift: "O sage, was ist Liebe...? Was Lieb' ist, sag's behende! Ist ehrlich sie und treu, Ein Segen ohne Ende, Ein Glück, das ohne Reu'!", gelaufen: [...]; Adressat: An Wohlg. Fräulein Gretl Embacher, Embachtochter in Fusch - Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "31/10 1919, Liebe Gretl! Schreib Dir a Kartl und grüss Dich a wenk, nit Das Du glaubst Das i garnie a Dich Denk, Grüssend Deiniger Lieb... J. G.; Zusatz bei Datum: Schreibe auch mal.; Zusatz links: Jos. G. b[ei] Förster[Dagerer] in Ramsau bei Hainfeld"


Lustige Weihnachten...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Reichst Du auch Blüten zum Strauss' mir dar, Schöner doch blühet Dein Lippenpaar!"; gelaufen: Ramsau bei Hainfeld [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Fusch - Pinzgau, Land Salzburg; Text: "am 18 / 12; Liebste Gretl; Wünsche dir gesunde lustige Weihnachtsfeiertage zugleich ein glückliches Neuesjahr[...][...][...]. Nebst vielen Grüssen und Küssen sendet D. Sepl."

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Reichst Du auch Blüten zum Strauss' mir dar, Schöner doch blühet Dein Lippenpaar!"; gelaufen: Ramsau bei Hainfeld [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Fusch - Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "am 18 / 12; Liebste Gretl; Wünsche dir gesunde lustige Weihnachtsfeiertage zugleich ein glückliches Neuesjahr[...][...][...]. Nebst vielen Grüssen und Küssen sendet D. Sepl."


Dein Seppl...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Bild meiner Träume. Dein liebes Antlitz schwebt mir vor, Du bist's den sich mein Herz erkor!", gelaufen: [...] Miesenbach, Niederösterreich; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, [...] Embach in Fusch, Pinzgau - Land Salzburg; Text: "Liebste Gretl, dein liebes Brieflein mit bestem Dank und großer Freude erhalten, werde auch bald  eins folgen lassen! Dein Seppl"

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Bild meiner Träume. Dein liebes Antlitz schwebt mir vor, Du bist's den sich mein Herz erkor!", gelaufen: [...] Miesenbach, Niederösterreich; Adressat: An Fräulein Gretl Embacher, [...] Embach in Fusch, Pinzgau - Land Salzburg;

Text: "Liebste Gretl, dein liebes Brieflein mit bestem Dank und großer Freude erhalten, werde auch bald  eins folgen lassen! Dein Seppl"


Laß bald was hören...


Ansichtskarte mit Aufschrift: "Ich denk an Dich - Denkst Du an mich?", Verlag: Kunstdruckerei von Josef Sperle, Wien VII, Schottenfeldg. 38; Herausgeber: Verlag Deutscher Schulverein, Wien VIII., Karte 1198, Helft uns deutsche Schulen bauen, Burgen im bedrohten Land! Der Deutsche Schulverein in Wien VIII., Florianigasse 39. Jahresbeitrag 2 Kronen, gelaufen: [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau, Land Salzburg; Text: "Liebste Gretl! Kam dazu dir paar Zeilen zusenden. Hoffe dich gesund und Wohl auf zu wissen. Ich bin es auch. Laß bald was hören. Herzliche Grüsse sendet dir dein Sepl! [Schicke viele Küße]"

Ansichtskarte mit Aufschrift: "Ich denk an Dich - Denkst Du an mich?", Verlag: Kunstdruckerei von Josef Sperle, Wien VII, Schottenfeldg. 38; Herausgeber: Verlag Deutscher Schulverein, Wien VIII., Karte 1198, Helft uns deutsche Schulen bauen, Burgen im bedrohten Land! Der Deutsche Schulverein in Wien VIII., Florianigasse 39. Jahresbeitrag 2 Kronen, gelaufen: [...]; Adressat: An Wohlg. Fräul. Gretl Embacher, Embachtochter, Fusch, Pinzgau, Land Salzburg;

Text: "Liebste Gretl! Kam dazu dir paar Zeilen zusenden. Hoffe dich gesund und Wohl auf zu wissen. Ich bin es auch. Laß bald was hören. Herzliche Grüsse sendet dir dein Sepl! [Schicke viele Küße]"


Ein herzliches Dankeschön geht an die Familie Embacher, die diesen Beitrag erst möglich gemacht haben!

Link

1) siehe auch: Michael Mitterauer: Uneheliche Kinder - Ledige Mütter. Zwei soziale ‚Randgruppen’ der Vergangenheit und ihre Lebenswelten im Wandel.

2) Die Briefmarkenserie Deutschösterreich von 1919 bis 1924; http://festivaltour.de/forum/thema/die-briefmarkenserie-deutsch%C3%B6sterreich-von-1919-bis-1924.1788/ (zuletzt besucht am 22.10.2018)

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Mittwoch, 21. November 2018

Der Erste Weltkrieg in Farbe - Ein Bild von Johann Heinrich Zehnbauer in der Uniform des Ersatzbataillons Fußartillerie No. 3, Mainz

Ein weiterer Versuch, die alten Bilder in das Hier und Jetzt zu holen. Der Aufwand ist immens und automatische Prozesse haben sich nicht bewährt. Der Vorteil dieser mühseligen Kleinarbeit ist die Tatsache, dass man sich die Bilder noch mehr anschaut, noch mehr auf Details achtet und sich der Materie der Uniformen und Dienstgrade verstärkt widmen muss.

Der Gefreite Johann Heinrich Zehnbauer ist zu erkennen an der dünnen Schnur am Kragen seines Drillichs. Die zwei anderen Herren, die leider unbekannt sind, haben diese Schnur nicht, sind somit einfache Soldaten.

Die Kopfbedeckung leuchten noch in blau, dies änderte sich erst im Jahre 1910, als umfassend auf Feldgrau als Standardfarbe umgerüstet wurde. Die Kokarden zeigen die Reichskokarde (oben) und die preußische Kokarde (unten).

Verschieben Sie den grünen "Schieber" nach links oder rechts, um den Unterschied zu sehen.

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after


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Sonntag, 18. November 2018

Der Erste Weltkrieg in Farbe - Ein Versuch anhand eines Bildes von Johann Heinrich Zehnbauer in der Uniform des Train Ersatzbataillons 18

Soldat in Uniform des Großherzoglich Hessischen Train Bataillons 18 um 1905
Nachdem anlässlich der 100jährigen Gedächtnisfeierlichkeiten zum Ende des Ersten Weltkriegs der Film "They Shall Not Grow Old" in englischen Kinos lief, der historisches Filmmaterial in noch nie dagewesener Weise in nachkolorierter Version zeigte, sollen nun sukzessive etliche Bilder dieses Blogs auch nachkoloriert erscheinen. Auch wenn die Mittel dafür im Vergleich zur professionellen Vorgehensweise eher bescheiden sind, vermittelten die Bilder doch einen ganz anderen Eindruck als die Originale. Es sollen vor allem Bilder nachkoloriert werden, die Uniformen zeigen.

Johann Heinrich Zehnbauer trägt die Uniform des Großherzoglich Hessischen Train Bataillons 18, welche gemäß des Jahres 1905 noch in voller Farbenpracht strahlt.

Der Waffenrock erscheint in einem dunklen Blau, mit hellblauem Kragen, hellblauen Vorstößen und Ärmelaufschlägen. Dazu das passende "Krätzchen" aus dunklem Wollstoff für das Huttuch (wie der Waffenrock) und mit hellblauem Besatzstreifen. Die obere Kokarde in den Reichsfarben "schwarz-weiß-rot", die untere in weiß-rot für das Großherzogtum Hessen.

Verschieben Sie den grünen "Schieber" nach links oder rechts, um den Unterschied zu sehen.

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Donnerstag, 8. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 11.11.1918 - Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Bensheim, den 10. November 1918.

An den Herrn Bürgermeister der Stadt Bensheim!

Nachdem im Vollzuge eine Überstürzung der Ereignisse im Zeichen der Zeit das republikanische Gebilde des Reiches, bezw. unseres engen Bundesstaates Hessen vor sich gegangen ist, geben wir Ihnen auch von den Umwandlungen der Dinge unserer Stadt für die Übergangszeit, während die Landesgesetze und amtlichen Behörden ruhen, bis neuerlassende bezw. bevollmächtigt sind, Kenntnis

In der heute, 10. November 1918 öffentlichen Volksversammlung wurde der unterzeichnete Arbeiter- und Bauernrat, sowie als Abteilung für sich, ein Soldatenrat gebildet, der folgende Richtlinien als Mindestforderung festlegt.

1. Während der Übergangsperiode wählt das Volk einen Arbeiter- und Bauernrat.

2. Dieser trägt die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit und das Eigentum. Zuwiderhandlungen werden strengstens nach mehr festzusetzenden Bestimmungen geahndet.

2a. Sicherung der erforderlichen Nahrungsmittelbestände zur Volksernährung.

2b. Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitslose und von dem Heere entlaufenen Soldaten zur zeitgemäßen Bezahlung.

3. Die Behörden bleiben weiter unter der Kontrolle des Arbeiter- und Bauernrates im Amt, unter der Voraussetzung, daß sie sich der Neuorientierung anpassen.

4. Für das Beschwerderecht der Bevölkerung gelten als amtliche Instanzen die Arbeiter- und Bauernräte, für Militär Soldatenräte; unberührt hiervon kann auch die behördliche Instanz ohne Verantwortung der Räte angerufen werden.

5. Arbeiter- und Bauernrat arbeitet mit dem im Dienste befindlichen Behörden und Organen im Interesse der Einigkeit und zum Wohle des Volkes zusammen. In der Erwartung, daß sich die städtischen Organe in diesem Sinne mit Rechtsbelehrung versehen, geben wir uns der angenehmen Hoffnung hin, unter Zusicherung, daß unsererseits alles getan ist und wird, zur Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherung des Eigentums und Bekämpfung der völligen Anarchie.

Der Arbeiter- und Bauernrat der Stadt Bensheim: Franz Josef Roß IV., Lorenz Metz, Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II, Stadtverordneter Joß I., Johann Schmitt X., Valentin Bayer II., W. Stärk. Der Soldatenrat der Lazarette Bensheim: Schröck, Treffert, Kopp, Keil
___________________

Wir erklären uns mit dem Inhalt dieses Schriftstücks in allen Teilen einverstanden.

Bensheim, den 11. November 1918.

Der Bürgermeister

I.V. Krenkel
___________________

Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat hat sich für die weitere Durchführung einer geregelte Lebensmittelversorgung verbürgt. Sein Hauptaugenmerk wird er auf die Bekämpfung des Schleichhandels und der Lebensmittelschiebung richten; die Schleichhändler und Schieber werden rücksichtslos zur Verantwortung gezogen und bestraft.

Die öffentliche Bewirtschaftung bleibt bestehen. Gegenwärtig wird die Aufnahme der Kartoffelvorräte im Kreise weiter durchgeführt. Es liegt nicht nur im Interesse der Verbraucher, sondern auch der Erzeuger, daß den damit beauftragten Kommissionen alle Bestände restlos angegeben und ihnen bei der Ausübung ihres Dienstes keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.



Bürostunden des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats sind auf vormittags 10-12 ½ Uhr, abends 6-8 Uhr aus dem Rathaus Zimmer Nr. 3 festgesetzt..


Militärpersonen wenden sich in allen Angelegenheiten an Karl Treffert im Lazarett katholische Schule Bensheim.

Die Volksversammlung in Bensheim.

Bensheim, den 11. November 1918. Die durch öffentlichen Anschlag gestern Nachmittag 3 Uhr einberufene Volksversammlung in der Städtischen Anlage fand unter regster Beteiligung wohl fast aller Kreise Bensheims statt und nahm, wie wir im Voraus bemerken wollen, einen durchaus ruhigen und sonach der Sache entsprechend, würdigen Verlauf.

• Herr Bürstenmacher Metz eröffnete die Versammlung, indem er in einer kurzen Ansprache darauf hinwies, daß es nunmehr nur noch darauf ankomme, Ruhe und Ordnung zu bewahren, damit das begonnene Werk seinen Fortgang nehmen möge, frei von allem Anarchismus.

Herr Stadtverordneter Roß als Referent führte in durchaus fachlichen Darlegungen aus, welche Gründe die Revolution veranlaßt, wie es notwendig geworden, daß das Volk ich frei gemacht habe und auch er betonte ganz besonders, daß nur dann ein gutes Ende zu erwarten sei, wenn jeder Selbstzucht übe. Um über die bestehende gesetzlose Zeit hinwegzukommen, schlug er vor, aus den Kreisen der Bevölkerung einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zu wählen, der mit Unterstützung der bisherigen öffentlichen Stellen die notwendigen Maßnahmen zu treffen hat. Er warnte ausdrücklich davor, falschen Einflüsterungen (Bolschewismus) Gehör zu schenken und ersuchte alles Derartige sofort den vom Volke gewählten Stellen mitzuteilen, damit Abhilfe getroffen werden kann und Schutz gewährleistet wird. Sein Hoch auf die Republik fand lauten Wiederhall.

Herr Schwedes, der das Wort ergriff, führte aus, mit welchem tiefen Ernst und Innerlichkeit die heutige Bewegung getragen werde. Auch seine Worte fanden Beifall.

Herr Metz schlug nunmehr vor zur Wahl der obengenannten Räte zu schreiten und machte Vorschläge. Die Vorschläge fanden durch Handaufheben einstimmige Annahme.

Es wurden gewählt:

Arbeiter: Franz Josef Roß IV.; Lorenz Metz Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II. Valentin Bayer II.

Bauern: Stadtverordneter Jost I., W. Stärk, Joh. Schmitt X.

Soldatenrat: Schröck, Treffert, Kopp, Keil.

Mit der nochmaligen Ermahnung zu absoluter Ruhehaltung schloß die Versammlung, der sich sofort eine Sitzung der gewählten Räte anschloß.
Auch wir wollen es nicht an der Ermahnung fehlen lassen, daß nur dann alles in Ruhe und Ordnung vor sich gehen kann. Dann wird auch die Allgemeinheit keinerlei Besorgnisse zu haben brauchen und so wird Person und Besitz nicht gefährdet werden. An die Eltern richten wir die dringende Bitte und Warnung, Kinder bei Eintreten der Dunkelheit zu Hause zu lassen und ihnen das unnütze Johlen und Schreien auf den Straßen zu verbieten. Wir werden nach wie vor bemüht sein, unsere Leser in dieser schweren Zeit von allem wichtigen zu unterrichten.

Die ersten drei Seiten des Bergsträßer Anzeigeblatts vom 11. November 1918




Links und Literaturhinweise

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Mittwoch, 7. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 04.08.1914 - Großherzog Ernst Ludwig richtet sich an sein Volk

An mein Hessenvolk!

Für unser geliebtes Vaterland hat eine ernste Stunde geschlagen. Von Osten und Westen droht der Feind in einem frevelhaft uns aufgedrungenen Kriege in die Grenzen des Reiches einzudringen. Der Kaiser hat zu den Waffen gerufen. Es gilt die höchsten und heiligsten Güter zu wahren. Ich vertraue auf die alte Hessentreue, die sich in schwerer Zeit stets bewährt hat. Ich hoffe, daß mein Volk die großen Opfer an Gut und Blut freudig bringen wird, die jetzt von ihm gefordert werden. Meine innigsten Wünsche begleiten meine Hessen, die berufen sind, mit den Waffen in der Hand für Kaiser und Reich zu streiten. Wem es aber nicht beschieden ist, ins Feld zu ziehen, der erfülle zu seinem Teil die großen Aufgaben, die den in der Heimat Bleibenden obliegen. Gottes Segen begleite unsere tapferen Streiter und bewahre unser teures Vaterland.
Darmstadt, den 2. August 1914,

ERNST LUDWIG.


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Dienstag, 6. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 29.07.1914 - Diplomatisches Zwischenspiel

Diplomatisches Zwischenspiel 

Die drohende Gefahr, daß sich aus der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien leicht ein allgemeiner europäischer Krieg entwickeln könnte, hat in den einflußreicheren diplomatischen Kreisen unseres Weltreiches eine lebhafte Tätigkeit hervorgerufen, um dieser Gefahr noch rechtzeitig zu begegnen. In bemerkenswerter Weise ist hierbei seitens der englischen Regierung die Initiative ergriffen worden. Sie ließ durch ihre Botschafter in Berlin, Ron und Paris die Anfrage bei den betreffenden Regierungen stellen, ob sie einer gemeinsamen Konferenz ihrer in London beglaubigten Botschafter mit dem englischen Minister des Auswärtigen Sir E. Grey zustimmen würden, Welche sich bemühen solle, Mittel zu einer Beilegung der gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten zu finden. Gleichzeitig ist englischerseits eine weitere diplomatische Aktion bewerkstelligt worden, welche bezweckt, die österreichisch-ungarische, die russische und die serbische Regierung von dem englischen Konferenzvorschlag zu verständigen und die genannten Regierungen zur Einstellung aller militärischen Operationen bis zur Beendigung der Konferenz zu bewegen. Sir E. Grey gab zu dem Konferenzvorschlage der britischen Regierung in der Montagssitzung des Unterhauses eine längere Erklärung ab, woraus erhellt, daß der englische Premierminister ein Zusammenwirken der vier an der österreichisch-serbischen Frage nicht unmittelbar interessierten Mächte, nämlich Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Englands, als die einzige Chance zur Erhaltung des europäischen Friedens erachtet. Weiter meinte er, daß die serbische Antwort auf die österreichische Ultimatums-Note vielleicht wenigstens eine Grundlage darbieten könnte, auf welcher die Vermittelungs- und Einigungsbemühungen einsetzen könnten. Sir Edward Gren schloß seine Ausführungen mit dem ernsten Hinweis darauf, daß von dem Augenblick an, da eine andere Großmacht in den österreichisch-serbischen Konflikt verwickelt würde, dies zu einer der größten Katastrophen führen würde, die es jemals in Europa gegeben habe.
Sicherlich hat der englische Premierminister mit diesem Hinweis durchaus recht und es steht nur aufrichtig zu wünschen, daß der von ihm angeregte Versuch, auf dem Wege einer deutsch-französisch-italienisch-englischen Konferenz den kriegerischen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu lokalisieren, von Erfolg begleitet sein möge. Wenn indessen Sir E. Grey der Meinung Ausdruck verliehen hat, die serbische Antwort an Österreich-Ungarn dürfte sich vielleicht als eine Grundlage für die Verhandlungen der geplanten Konferenz eignen, so sollte hierin wohl nur ein gewisses Wohlwollen für Serbien bekundet werden. Denn aus dem jetzt von Wiener amtlicher Seite im wesentlichen bekannt gegebenen Wortlaut der serbischen Antwortnote ist klar zu ersehen, daß Serbiens hierin enthaltenen 3ugeständnisse an die so schwer beleidigte habsburgische Monarchie durch die hierbei gemachten Vorbehalte und Einschränkungen nahezu völlig wertlos für den Teil waren. Um so mehr Bedeutung wird der Vermittelungsaktion der vier Mächte zukommen, sie kann aber nur dann wirklichen Erfolg erzielen, wenn Rußland seine bisherige zweideutige Haltung in dem österreichisch-serbischen Konflikt endlich aufgibt und sich ehrlich mit auf die Seite der Friedensfreunde stellt. Im übrigen ist noch die Nachricht zu verzeichnen, daß bislang Frankreich rückhaltlos dem englischen Konferenzvorschlag zugestimmt hat. Schließlich steht wohl zu erwarten, daß Kaiser Wilhelm, nachdem er von seiner Nordlandsfahrt im Neuen Palais eingetroffen ist, sein gewichtiges Wort im Sinne der Wahrung des Völkerfriedens Europas geltend machen wird, welche Erwartung sogar die Chauvinisten an der Seine hegen. Die „Kölnische Zeitung“ meldet aus Berlin: Der Wunsch der Westmächte, durch eine rechtzeitig vermittelnde Einwirkung ein Übergreifen des österreichischen Streites mit Serbien auf das Verhältnis zwischen den Großmächten zu verhüten, wird von der deutschen Politik nicht nur in platonischer Weise gehegt, sondern das Berliner Kabinett ist bereits in mehr als einer Hauptstadt für die Zwecke einer den europäischen Frieden sichernden Vermittlung tätig gewesen. Man begrüßt hier, daß jetzt durch die Initiative Grens der Vermittlungsgedanke amtliche Gestalt angenommen und der Öffentlichkeit zur Erörterung gestellt worden ist. Es machen sich aber Zweifel geltend, ob als Organ für die Vermittlung eine Konferenz von vier Großmächten ein geeignetes Auskunftsmittel darstellt und daß man die Einzelheiten des österreichisch-serbischen Streites die lediglich beide Staaten angehen, nicht vor das Forum einer Konferenz ziehen kann; darüber herrscht wohl allgemein Übereinstimmung. Aber auch was die rechtzeitige Beseitigung der zwischen Österreich-Ungarn und Rußland etwa aufkeimenden Schwierigkeiten betrifft, muß die Frage aufgeworfen werden, ob die Regierungen dieser beiden Mächte gewillt sind, die Konferenz der vier anderen Großmächte mit einer amtlichen Vermittlung zu betrauen. Es scheint für das Gelingen der Vermittlung zweckmäßiger, wenn man die Mittel dafür möglichst einfach gestaltet und sich in unmittelbarem Verkehr mit den Hauptstädten der beteiligten Reiche der fortlaufenden diplomatischen Erörterungen und Einwirkung bedient, um ein vermittelndes Vorgehen bis zu dem allseitig gewünschten Ergebnis durchzuführen. Bei der Benutzung dieses Weges würde Deutschland es an der den Westmächten schon bewiesenen Mitwirkung auch weiterhin nicht fehlen lassen. Inzwischen wurde von Österreich offiziell der Krieg erklärt. Das Wiener Korrespondenz-Bureau meldet: Wien, 28. Juli. Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner k. und k. apostolischen Majestät vom 28. Juli 1914 wurde heute an die königlich serbische Regierung eine in französischer Sprache abgefaßte Kriegserklärung gerichtet, welche in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet: Da die königlich serbische Regierung die Note, welche ihr vom österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so sieht sich die k. und k. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung ihrer Rechte und Interesse Sorge zu tragen und zu diesen Ende an die Gewalt der Waffen zu appellieren. Österreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustand mit Serbien befindlich. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußeren Graf Bechtold.
Belgrad, 28. Juli. Nach einer ergänzenden Mobilisierungsorder sind in Serbien alle Wehrpflichtigen vom 18. bis zum 60. Lebensjahr einberufen worden. Das bedeutet also eine allgemeine Mobilisierung. Das Hauptquartier befindet sich in Nisch. Die Mobilisierung schreitet rasch vorwärts. In Belgrad herrscht nach dem ersten Rausch eine ernste nüchterne Stimmung. Die Zeitungen schreiben, der Frieden sei noch nicht endgültig verloren.
Wien, 27. Juli. (W. B.) Bei Temeskubin beschossen serbische Truppen, die sich auf einem Donaudampfer befanden, von dem Schiffe aus österreichische Truppen. Das Feuer wurde erwidert. Es entspann sich ein größeres Geplänkel.
Wien, 28. Juli. Die österreichischen Truppen haben die Ungarische Grenze überschritten und mit dem Vormarsch nach Mitrovitza den programmmäßigen Punkt erreicht. Die Serben sind überall zu rückgeworfen worden. In Wien wurde die Nachricht von dem Ausbruch der Feindseligkeiten mit großem Jubel aufgenommen. Mitrovitza ist ein ungarischer Grenzort an der Save und hat ungefähr 12000 Einwohner. Eine weitere Wiener Meldung besagt, auf der Donau bei Kozemo wurde ein serbischer Truppentransport auf dem Dampfer „Wardar“ und „Zar Nikolaus“ von der österreichischen Bootsflotille aufgebracht.. Hier wurden die ersten serbischen Gefangenen gemacht.
Wien, 28. Juli. Wie die „Vossische Zeitung“ aus authentischer Quelle meldet, wird Erzherzog Friedrich, dem jüngst die militärischen Funktionen des ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand übertragen worden sind, das Oberkommando über die österreichische Armee gegen Serbien im Auftrage des Kaisers übernehmen.
Das Berliner Tageblatt meldet aus Bodenbach: Der serbische General Marinowitsch, der gestern von Karlsbad kommend, auf dem Bahnhof Marienbad eintraf, wurde von der Polizei verhaftet, auf Anordnung von Wien jedoch wieder freigelassen.
Wien, 27. Juli. Der Patriotismus der Monarchie gibt sich in opferwilliger Bereitschaft aller Bevölkerungsschichten, insbesondere in zahlreichen Spenden und Sammlungen für die im Felde stehenden Soldaten und die Familien der eingerückten Reserven kund. Für diese nimmt das Kriegsministerium alle Gaben entgegen. Die Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs erläßt einen Aufruf zu einer großen Frauenhilfsaktion, Welche Unter anderem bezweckt; Schaffung eines Hilfsfonds, sowie Verdienstmöglichkeiten für die subsistenzlos gewordenen Frauen von Reservisten, Schaffung von Freitischen und Freimarken für die wichtigen Lebensmittel. Die deutschen Studenten in Prag haben beschlossen, eine Sammelstelle für das österreichische Rote Kreuz zu errichten. Die böhmische Ärzteschaft hat zur Organisation einer ärztlichen Hilfsaktion aufgefordert. – Der 62 Jahre alte Präsident des Herrenhauses, Fürst zu Windisch Grätz, der Major der Landwehr ist, meldete sich beim Landesverteidigungsminister zum freiwilligen Truppendienst in der Front. Auch das 54jährige Mitglied des Herrenhauses, Fürst Karl Auersperg, hat sich entschlossen, gleichzeitig mit seinem zur Truppe einberufenen Sohne freiwillig einzurücken. – Die Firma Gebrüder Gumann-Wien spendete für Zwecke des Roten Kreuzes 100 000 Kronen.
Wien, 28. Juli. Nach den vorliegenden Nachrichten erfolgt noch keine Mobilisierung Rußlands. Ferner wird gegenüber verschiedenen Gerüchten darauf hingewiesen, daß keine Anzeichen vorhanden sind, daß Serbien die österreichische Note nunmehr bedingungslos annehmen wollte.
Paris, 27. Juli. Eine Depesche aus Petersburg meldet, daß zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm ein Depeschenaustausch stattgefunden habe. Man mißt dieser Tatsache in Bezug auf die Erhaltung des Friedens große Bedeutung bei.
London, 28. Juli. Im Unterhause fragte Bonar Law an, ob Asquith irgendwelche Informationen über die europäische Lage zu geben hätte. Asquith erklärte, daß keine Entwicklungen eintraten, die genügend bestimmt seien, um irgendeine weitere Erklärung zu ermöglichen. Die Regierung hoffe jedoch, daß hieraus kein ungünstiger Schluß gezogen werde. – Wie die Blätter melden, sind im Hafen von Porthmouth zur Zeit 29 Schlachtschiffe, 4 Schlachtkreuzer und 9 andere Kreuzer der ersten Flotte. Sie nahmen die Nacht über Kohlen ein. Kriegsmaterial und Proviant, das für mehrere Wochen ausreicht, wird ebenfalls eingenommen werden. Bis die internationale Lage sich geklärt hat, wird auf den Schiffen der ersten Flotte kein Urlaub erteilt werden. Wie es in kritischer internationaler Situation üblich ist, hat die Admiralität gestern die übliche Liste der Schiffsbewegungen nicht ausgegeben.
Paris, 28. Juli. Wie verlautet, wird Präsident Boincare morgen Nachmittag sofort nach seiner Ankunft einem Ministerrat vorsitzen.
Konstantinopel, 28. Juli. Der griechische Gesandte erklärt, daß Griechenland im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien verpflichtet wäre, den Serben mit 100 000 Mann zu Hilfe zu kommen. Die Sympathiekundgebungen für Österreich dauern in deutschen Städte immer noch fort, während besonders in Petersburg und Moskau die Stimmung für Serbien hervorherrscht. Nach Nachrichten aus vielen amerikanischen Städten rüsten sich Tausende von österreichischen und ungarischen Reservisten in Erwartung des unmittelbaren Ausbruchs der Feindseligkeiten für die Abreise.
London, 28. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt, hat das Auswärtige Amt heute die Mitteilung erhalten, daß Rußland im Prinzip dem englischen Konferenzvorschlag zuftimmt. Gleichzeitig wünscht Rußland den direkten Meinungsaustausch, mit Wien fortzusetzen.
Wien, 29. Juli. Die ,,Wiener Allgemeine Zeitung“ schreibt anscheinend nach Informationen von besonderer Seite: Über die Haltung Rußlands ist zur Stunde hier nichts bekannt. Die Nachricht, daß die russische Regierung irgendwelche Mobilisierungsordres erteilt habe, hat bisher noch keine Bestätigung gefunden. Wir und auch die übrigen Mächte sind durch unsere Vertreter am Petersburger Hofe über die Vorgänge in Rußland, soweit sie sich nicht überhaupt der Kenntnis entziehen, vollkommen unterrichtet. Es ist aber unmöglich, irgendwelche Prognosen zu stellen. Die politische Situation ist ja heute der Art, daß sich das Bild in kürzester Zeit zu verschieben vermag, weshalb es nicht angeht, auch nur für die nächsten Tage etwas bestimmtes Vorauszusagen. Vorläufig bewegt sich der Verkehr zwischen Rußland und Österreich auf der gewohnten freundschaftlichen Basis.
Berlin, 28. Juli. Die heutigen 27 ProtestversammIungen der Sozialdemokraten gegen den Krieg sind bei starkem Besuch im allgemeinen ohne Zwischenfall verlaufen. Nach Schluß der Versammlungen begaben sich Tausende von Teilnehmern Unter die Linden, wo zunächst ein ruhiger Demonstrationsspaziergang unternommen wurde. Plötzlich stießen mehrere Demonstranten Rufe aus: „Nieder mit dem Krieg“, die jedoch bald durch die Hochrufe des auf den Bürgersteigen versammelten Publikums auf Österreich und Deutschland übertönt wurden. Es artete zu einem förmlichen Kampf zwischen Sozialdemokraten und Schutzleute aus, obwohl die Linden für alle Aufzüge von der Polizei verboten wurden. Die Versammlungsteilnehmer erschienen zu Fuß und zu Wagen und in Automobilomnibussen. Die Schutzleute ritten mitten unter die Menge und diese versuchte, sich auf die Trottoire zu flüchten, wohin ihnen die Schutzleute folgten. – In der Nähe der russischen Botschaft kam es zu einer neuen großen Ansammlung, wobei das Arbeiterlied gesungen und Rufe „Nieder mit dem Krieg“ ausgebracht wurden. Die bürgerlichen Zuschauer verfolgten die Vorgänge mit lauten Rufen der Entrüstung. Es gelang den Schutzleuten, die Linden zu säubern, doch leisteten die Demonstranten passiven Widerspruch und es mußten mehrere Verhaftungen vorgenommen werden.
Berlin, 28. Juli. Auf der Pariser Börse fand heute ein geradezu ungewöhnlicher Kurssturz statt. Die Bedeutung dieses Vorgehens erhellt daraus, daß Berliner maßgebende Finanzkreise von dieser Tatsache nicht nur überrascht, sondern über sie aufs höchste bestürzt sind. Man fragt sich hier, welche unbekannte Ursache dieses Ereignis herbeigeführt hat und ob dieses nicht in militärischen Vorkehrungen Frankreichs zu suchen ist. Diese und andere Tatsachen ließen heute in Berlin die Stimmung höchst pessimistisch erscheinen.
Kiew, 28. Juli. Vor dem Denkmal Alexander III. und in verschiedenen Stadtteilen fanden serbenfreundliche Kundgebungen mit patriotischen Reden statt.




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Montag, 5. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 01.08.1914 - Kriegszustand erklärt

Amtlicher Teil.

An die Bevölkerung des Bezirks des XVIII. Armeekorps.

Seine Majestät der Kaiser hat das Reichsgebiet in Kriegszustand erklärt. Für diese Maßregel sind lediglich Gründe der raschen und gleichmäßigen Durchführung der erforderlichen militärischen Vorkehrungen maßgebend und nicht etwa die Besorgnis, daß die Bevölkerung die vaterländische Haltung werde vermissen lassen. Die Schnelligkeit und Sicherheit unseres Aufmarsches erfordert einheitliche und zielbewußte Leitung der gesamten vollziehenden Gewalt. Wenn durch die Erklärung des Kriegszustandes die Gesetze verschärft werden, so wird dadurch niemand, der das Gesetz beachtet und den Anordnungen der Behörden Folge leistet, in seinem Tun und Wirken beschränkt. Ich vertraue, daß die gesamte Bevölkerung alle Militär- und Zivilbehörden freudig und rückhaltslos unterstützen und uns damit die Erfüllung unserer hohen vaterländischen Pflichten erleichtern wird. Dann wird auch der alte Waffenruhm des Heeres aufrechterhalten und es vor den Augen unseres Kaisers und den Blicken der Nation in Ehren bestehen.

Der kommandierende General:


Erklärung. 
Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers wird für der Bezirk des XVIII. Armeekorps hierdurch der

Kriegszustand

erklärt.

Die vollziehende Gewalt geht damit an mich, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz an den Gouverneur bezw. Kommandanten der Festung über.

Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden verbleiben in ihren Funktionen. Sie haben aber meinen Anordnungen und Aufträgen, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz denen des Gouverneurs bezw. Kommandanten der Festung Folge zu leisten.

Der kommandierende General.

Artikel 68 der Reichsverfassung. 
Der Kaiser kann, wenn die öffentliche Sicherheit in dem Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Teil desselben in Kriegszustand erklären. Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung und die Wirkungen einer solchen Erklärung regelnden Reichsgesetzes (ist noch nicht erfolgt) gelten dafür die Vorschriften des preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851 (Gesetz-Samml. für 1851 S. 451 ff.)
Preußisches Gesetz vom 4. Juni 1851
§ 1.
Für den Fall eines Krieges ist in den, von dem Feinde bedrohten oder teilweise schon besetzten Provinzen jeder Festungskommandant befugt, die ihm anvertraute Festung mit ihrem Rajonbezirke, der kommandierende General aber den Bezirk des Armeekorps oder einzelne Teile desselben zum Zwecke der Verteidigung in Belagerungszustand zu erklären.

§ 4.
Mit der Bekanntmachung der Erklärung des Belagerungszustandes geht die vollziehende Gewalt an die Militärbefehlshaber über. Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden haben den Anordnungen und Aufträgen der Militärbefehlshaber Folge zu leisten.
Für ihre Anordnungen sind die betreffenden Militärbefehlshaber persönlich verantwortlich.

§ 8.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte der vorsätzlichen Brandstiftung, der vorsätzlichen Verursachung einer Überschwemmung, oder des Angriffs, oder des Widerstandes gegen die bewaffnete Macht, oder Abgeordnete der Zivil- oder Militärbehörde in offener Gewalt und mit Waffen, oder gefährlichen Werkzeugen versehen sich schuldig macht, wird mit dem Tode bestraft.
Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann, statt der Todesstrafe auf zehn- bis zwanzigjährige Zuchthausstrafe erkannt werden.

§ 9.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte 

a) in Beziehung auf die Zahl, die Marschrichtung oder angeblichen Siege der Feinde oder Aufrührer wissentlich falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, welche geeignet sind, die Zivil- oder Militärbehörden hinsichtlich ihrer Maßregeln irre zu führen, oder 

b) ein bei Erklärung des Belagerungszustandes oder während desselben vom Militärbefehlshaber im Interesse der öffentlicher Sicherheit erlassenes Verbot übertritt, oder zu solcher Übertretung auffordert oder anreizt, oder

c) zu dem Verbrechen des Aufruhrs, der tätlichen Widersetzlichkeit, der Befreiung eines Gefangenen, oder zu andern § 8 vorgesehenen Verbrechen, wenn auch ohne Erfolg, auffordert oder anreizt, oder

d) Personen des Soldatenstandes zu Verbrechen gegen die Subordination oder Bergehrung gegen die militärische Zucht und Ordnung zu verleiten sucht, soll, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft werden.

Einführungs-Gesetz zum Reichs-Strafgesetzbuch.
§ 4. 
Bis zum Erlasse der in den Artikeln 61 und 68 der Verfassung des Norddeutschen Bundes vorbehaltenen Bundesgesetze die in den §§ 81, 88, 90, 307, 311, 312, 315, 322, 323 und 324 des Strafgesetzbuchs für den Norddeutschen Bund mit lebenslänglichem Zuchthaus bedrohten Verbrechen mit dem Tode zu bestrafen, wenn sie in einem Teile des Bundesgebietes, welchen der Bundesfeldherr in Kriegszustand (Art. 68 der Verfassung) erklärt hat, oder während eines gegen der Norddeutschen Bund ausgebrochenen Krieges auf dem Kriegsschauplatze begangen werden.

Bekanntmachung 
Hiermit verbiete ich jede Veröffentlichung oder Mitteilung militärischer Ungelegenheiten. Übertretungen dieses Verbots werden streng bestraft. Frankfurt a. M., am 31. Juli 1914.
Der kommandierende General.




Link

Faksimile "Verhängung des Kriegszustandes durch Wilhelm II, 31 Juli 1914 [Reichsgesetzblatt 1914, 263]" auf Historisches Lexikon Bayerns [zuletzt besucht am 01.08.2017]

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Freitag, 26. Oktober 2018

Medaille für die Goldsammlung 1916 - "Gold gab ich zur Wehr - Eisen nahm ich zur Ehr"

Zu der hier bereits gezeigten Urkunde über die Goldsammlung im Werte von 16,50 Mark gibt es auch noch eine Medaille aus - wie könnte es anders sein - Eisen.

Auch wenn die meisten Medaillen immer im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg gesehen werden, so liegt der Ursprung der Idee über Material- und Geldspenden für Kriegszwecke im Jahre 1813.
Es war Prinzessin Marianne von Preußen, die im Rahmen der Befreiungskriege preußische Frauen zur Abgabe ihres Schmucks aufforderte und so einen Aufruf Rudolph Werkmeisters in der Spenerschen Zeitung unterstützte. So sollte der Kampf gegen die napoleonische Besetzung Preußens unterstützt werden.1

Die Medaille der "Sammlung von Goldschmuck 1916", die hier gezeigt wird, besteht aus zwei Teilen: Einer geprägten Front aus dünnem Blech, die über den rückwärtigen Teil der Medaille gestülpt ist und mit umgebogenen Laschen die zweiteilige Medaille zu einer Einheit verbindet. Der rückwärtige Teil wurde mit einer Broschennadel und Öse versehen. Der vordere Teil zeigt eine Frau, die kniend ihren Goldschmuck reicht, begleitet von den Worten "IN EISERNER ZEIT", die Rückseite trägt die Worte "GOLD GAB ICH ZUR WEHR - EISEN NAHM ICH ZUR EHR", darunter Eichenlaub und der Namen des Künstlers "Hosaeus". Der Durchmesser beträgt 41mm, die Tiefe 4mm.

Die Medaille der "Sammlung von Goldschmuck 1916", die hier gezeigt wird, besteht aus zwei Teilen: Einer geprägten Front aus dünnem Blech, die über den rückwärtigen Teil der Medaille gestülpt ist und mit umgebogenen Laschen die zweiteilige Medaille zu einer Einheit verbindet. Der rückwärtige Teil wurde mit einer Broschennadel und Öse versehen. Der vordere Teil zeigt eine Frau, die kniend ihren Goldschmuck reicht, begleitet von den Worten "IN EISERNER ZEIT", die Rückseite trägt die Worte "GOLD GAB ICH ZUR WEHR - EISEN NAHM ICH ZUR EHR", darunter Eichenlaub und der Namen des Künstlers "Hosaeus". Der Durchmesser beträgt 41mm, die Tiefe 4mm.


Links und Literaturhinweise


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Samstag, 13. Oktober 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 27.07.1914 - Kriegsbeginn

Der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

ist, nachdem die serbische Regierung auf die österreichische Note eine ablehnende Antwort erteilte, nunmehr zur Gewissheit geworden. Der österreichische Gesandte hat, gemäß seinen Instruktionen, am Samstag Abend 6 Uhr Belgrad verlassen, auch der serbische Gesandte ist aus Wien abgereist. In Wien hat man sich nicht zur Verlängerung der 48-stündigen Frist verstanden, in welchem Sinne sich Rußland und Frankreich in unverhüllter Parteinahme für ihren serbischen Schützling bei der österreichisch-ungarischen Regierung bemüht haben. Österreich-Ungarn war von vornherein fest entschlossen, auf seinen scharfen, aber freilich auch gerechtfertigten, Genugtuungsforderungen zu bestehen, während in Serbien die gesamte öffentliche Meinung noch vor Ablauf der Ultimatumsfrist mit aller Entschiedenheit gegen ein Eingehen Serbiens auf die Forderungen der großen Nachbarmonarchie gerichtet war. Die Regierung des Königs Peter würde zweifellos in einen schweren Konflikt mit dem durch seine nationalen und politischen Leidenschaften aufgeregten eigenen Volke geraten sein, wenn sie Österreich-Ungarn wesentlich entgegenkommen würde, und so muß denn ein Waffengang zwischen den beiden Nachbarstaaten entscheiden, die ja schon seit Jahren in einen mehr oder weniger gespannten Verhältnisse miteinander leben.
Bei Serbien, das kaum erst die beiden schweren Kriege gegen die Türkei und gegen Bulgarien überstanden hat, dürfte die feste Hoffnung auf eine tatkräftige Unterstützung seitens des Zweibundes, in erster Linie aber Rußlands, hierbei eine bestimmende Rolle spielen. Ein bewaffnetes Eingreifen des Zweibundes zugunsten Serbiens in einem eventuellen Kriege dieses ehrgeizigen Balkanstaates mit Österreich-Ungarn würde aber natürlich Deutschland und Italien an die Seite ihres österreichisch-ungarischen Verbündeten rufen, und dann würde das schon immer gefürchtete Unheil eines großen Weltkrieges mit einem Male über Europa hereinbrechen.
Ob es zu diesem Äußersten kommen wird, bleibt abzuwarten, bestehen doch für Rußland wie für Frankreich gewichtige Gründe, sich zurzeit nicht ohne zwingende Not in einen großen Krieg zu stürzen. Das Zarenreich leidet gerade im jetzigen Moment unter ernsten sozialrevolutionären Zuckungen in seiner Arbeiterschaft, welche sich zweifellos in eine offene Revolution bei einer etwaigen auswärtigen kriegerischen Verwickelung Rußlands verwandeln dürften. Mit der militärischen Schlagfertigkeit des französischen Bundesgenossen Rußlands aber sieht es im jetzigen Moment einigermaßen bedenklich aus, die bekannten Enthüllungen des Senators Humbert haben auf die Zustände im französischen Heere ein grelles Streiflicht geworfen, welch letztere Zweifel erwecken, ob es jetzt den Anforderungen eines großen Feldzuges gewachsen sein würde. Möglich darum, daß von Petersburg und Paris bei aller Sympathie für den serbischen Radaubruder schließlich geheime Winke nach Belgrad ergehen; ob sie von den Hitzköpfen in Belgrad befolgt werden, das steht freilich auf einem anderen Blatte. In Österreich-Ungarn wie in Serbien sind die Mobilisierungsmaßnahmen und andere militärische Vorbereitungen im vollen Gange. Österreich-Ungarn darf getrost von sich behaupten, daß es in seiner Haltung gerechtfertigt vor Europa dastehe.
Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldungen vom 25. Juli: 
Belgrad, 25. Juli. Ministerpräsident Baschitsch erschien 10 Minuten vor 6 Uhr abends in der hiesigen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und überreichte dem Freiherrn von Giesl die serbische Antwort auf die österreichisch-ungarische Note. Diese war nach den dem Gesandten gewordenen Instruktionen aus Wien als ungenügend zu betrachten. Baron Giesl notifizierte dem Ministerpräsidenten infolgedessen sofort den Abbruch der diplomatichen Beziehungen. Mit dem Gesandtschaftspersonal verließ Freiherr v. Giesl um 6 Uhr 30 Minuten die serbische Hauptstadt. 
Wien, 25. Juli. Das Ministerium des Auswärtigen hat heute Abend 6 Uhr 10 Minuten die versammelten Journalisten zu sich berufen und ihnen folgende Mitteilung gemacht: „Um 3 Uhr nachmittags wurde die serbische Armee mobilisiert. König Peter, der Königliche Hof, die Behörden, die Truppen haben Belgrad verlassen. Um 6 Uhr überreichte die serbische Regierung dem österreichischen Gesandten die Antwortnote. Da sie für nicht genügend befunden wurde, ist der österreichische Gesandte in Belgrad samt dem Personal abgereist. 
Wien, 25. Juli. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, hat der serbische Kriegsminister im Ministerrat erklärt, daß die Armee jene Bedingungen, die sich auf die Verhaftung und Bestrafung von Offizieren beziehen, in keinem Falle annehmen werde, und daß für die Krone die Gefahr bestehe, das sich die Armee gegen die Dynastie erheben werde. Der Kriegsminister hatte diese Erklärung auf Grund eines Memorandums abgegeben, das vom Belgrader Offizierkorps ihm gestern Abend übergeben worden war. Auch aus den Provinzgarnisonen wurden an den Kriegsminister telegraphische Proteste der Offiziere übermittelt. Der Ministerrat soll auch im Besitze von Petersburger Erklärungen gewesen sein, die den Beschluß der Regierung beeinflußt hätten. Schon gestern Nachmittag wurde die Mobilisierung der Donau und der Drinadivision angeordnet. Zum Kommandanten der Donau-Division wurde General Inkowitsch ernannt. Das Hauptquartier wurde nach Valjewo verlegt, wohin General Inkowitsch mit seinem Stabe bereits abgereist war. Die Leitung der Kriegsoperationen wird General Putnik übernehmen. König Peter wird morgen eine Proklamation an das Volk erlassen. Alle Reservisten wurden telegraphisch einberufen. 
Wien, 25. Juli. Österreich hat bereits eine teilweise Mobilisierung angeordnet. Von den bestehenden 16 österreichischen Korps wurden acht Korps mobilisiert. Darunter befinden sich die beiden böhmischen Korps, das Prager und das Leitmeritzer. Die Sicherung der Eisenbahnlinien durch Truppendetachements wurde heute Abend angeordnet. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Wachen und Posten demjenigen gegenüber, der auf den ersten Anruf nicht stehen bleibt, von der Waffe Gebrauch machen. 
Wien, 25. Juli. Um 8 Uhr abends hat der serbische Gesandte Jowanowitsch mittels Automobils Wien verlassen. Soviel man hört, hat er sich direkt nach Belgrad begeben. 
Belgrad, 25. Juli. Der deutsche Gesandte, Freiherr von Griesinger übernimmt den Schutz der österreichischen Staatsangehörigen.
Die Begeisterung in Österreich und Ungarn ist begreiflich sehr lebhaft. In Wien versammelten sich noch am Samstag  Abend die Massen zu einem imposanten Manifestationszuge, der, immer neuen Zuzug erhaltend, über die Ringstraße zum Deutschmeisterdenkmal zog. Patriotische Lieder wurden gesungen und Hochrufe auf den Kaiser, auf Kaiser Wilhelm und auf die Armee ausgebracht. Die Polizei ließ die Menge gewähren. Auch in allen übrigen Teilen der Stadt wurde die Nachricht mit größter Begeisterung aufgenommen. Überall, wo die Menge eines Offiziers oder eines Soldaten ansichtig wurde, umringte sie ihn und begrüßte ihn mit begeisterten Rufen: „Hoch der Krieg! Hoch die Armee!“  
Vor dem Gebäude der deutschen Botschaft im dritten Wiener Bezirk fanden heute Abend große Sympathiekundgebungen statt. Eine Menge von etwa 10.000 Personen sang vor dem Gebäude die „Wacht am Rhein“ und brachte Hochrufe auf Kaiser Wilhelm, unserem Verbündeten, aus. Die russische Botschaft, welche sich in unmittelbarer Nähe befindet, wurde von dem Publikum nicht belästigt. Noch immer ziehen unausgesetzt große Trupps von Menschen mit schwarzgelben Fahnen durch die Straßen der Stadt.  Aus vielen Provinzstädten werden große patriotische Kundgebungen für den Krieg gemeldet.
Deutsche Sympathiekundgebungen für Österreich sind allgemein. Das entschlossene Auftreten Österreichs ist in allen Großstädten Deutschlands mit Begeisterung aufgenommen worden. Besonders patriotische Kundgebungen werden aus München, Berlin, Hamburg, Breslau, Hannover, Homburg, Freiburg gemeldet. 
Die italienische Regierung hat der österreichisch-ungarischen Regierung eine Erklärung zukommen lassen, daß sie in einem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eine dem Bundesverhältnisse entsprechende Haltung einnehmen werde.
Die russische Auffassung der Lage ist noch unbestimmt: Petersburger Abendblätter schlagen einen äußerst beschloß im heutigen Staatsrat, anläßlich des Krieges zwischen Deutschland und England eine Neutralitätserklärung ab zu geben. Nachdem bereits im dänischen Teil des Landes die Minensperre erfolgte, wurde beschlossen, im Großen Belt und im dänischen Teil des Kleinen Belt Minen auszulegen, um zu vermeiden, daß sich die Kriegsoperationen auf die dänischen Gewässer ausdehnen, und um die Verbindung zwischen den dänischen Landesteilen aufrechtzuerhalten. Außerdem wurde beschlossen, den zweien Teil der Sicherungsstärke auf Fünen und Jütland, sowie den zweiten bis einschließlich achten Jahrgang der Mannschaft von Seeland, Laaland und Falster einzuberufen. Die Einberufung der Sicherungsstärke ist nicht gleichbedeutend mit Mobilisierung.


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Mittwoch, 26. September 2018

4. Kriegsanleihe 1916 - Bensheimer Schülerin opfert ihr Taschengeld für die Soldaten an der Front

"Die kleine Lisa ist erst neun Jahre alt. Sie geht in Bensheim zur Schule, ihr Vater ist im Krieg und die Schülerin spendet ihr Taschengeld der Front".

Lisa (Elisabeth) Zehnbauer und ihre Klasse der Katholischen Volksschule Bensheim mit der Klassenlehrerin Frau Kempf 1917

So dürften etliche Lebensläufe in Deutschland, ja in ganz Europa ausgesehen haben und die kleine Lisa war nicht die einzige Schülerin, die dem Aufruf zur Spende gefolgt sein dürfte. 

Das Formular war für Schulen vorbereitet worden; der Name des Schülers, der Schule und des Lehrers kamen in die entsprechenden, vorgedruckten Felder. Da konnte man gar nicht "Nein" sagen!



Zu Beginn des Krieges hatte man sich in Deutschland zur Finanzierung des Krieges, dem liberalen Wirtschaftsgeist der Epoche gemäß, für Anleihen entschieden und nicht wie andere Staaten für eine Erhöhung der Steuern. Geld musste her und zwar in rauen Mengen, denn bereits die erste Kriegswoche schlug mit rund 750 Millionen Mark zu Buche, der erste Monat verschlang bereits 2.25 Milliarden Mark und es sollten noch vier Jahre Krieg folgen. 

Die erste Kriegsanleihe vom 10. bis 19. September 1914 brachte mit 1.177.235 Zeichnern, die alle 100 Mark einlegen mussten, insgesamt 4.5 Milliarden Mark. Aber 100 Mark Mindesteinlage war für keinen normalen Schüler zu stemmen. Zwar gab es auch schon im Rahmen der allerersten Kriegsanleihe Schulen und Schüler, die sich beteiligten, aber dabei handelte es sich um wenige Schulen, meist elitäre Gymnasien, die dieses Opfer erbringen konnten.

Einhundert Mark waren für das älteste der 6 Kinder Johann Heinrich Zehnbauers undenkbar. Das sah wohl auch die Regierung so und es wurden ab der 2. Kriegsanleihe auch Schulen mit einbezogen. Was vorerst noch als "pädagogischer Missgriff" verurteilt wurde, entwickelte sich spätestens mit der vierten Anleihe zu einer schulischen Pflichtveranstaltung.1

Jetzt durfte auch die kleine Lisa ihr Opfer bringen. Frau Kempf die Klassenlehrerin konnte gar nicht anders, als diesen organisierten Opfergang institutionell umsetzen und so landete das Taschengeld der kleinen Lisa... wo es besser nicht gelandet wäre!


Links und Literaturhinweise

1) siehe: Kronenberg, Martin (2014): Kampf der Schule an der "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg: Nagelungen, Hilfsdienste, Sammlungen und Feiern im Deutschen Reich, Hamburg, Seite 106ff.

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