Donnerstag, 8. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 11.11.1918 - Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Bensheim, den 10. November 1918.

An den Herrn Bürgermeister der Stadt Bensheim!

Nachdem im Vollzuge eine Überstürzung der Ereignisse im Zeichen der Zeit das republikanische Gebilde des Reiches, bezw. unseres engen Bundesstaates Hessen vor sich gegangen ist, geben wir Ihnen auch von den Umwandlungen der Dinge unserer Stadt für die Übergangszeit, während die Landesgesetze und amtlichen Behörden ruhen, bis neuerlassende bezw. bevollmächtigt sind, Kenntnis

In der heute, 10. November 1918 öffentlichen Volksversammlung wurde der unterzeichnete Arbeiter- und Bauernrat, sowie als Abteilung für sich, ein Soldatenrat gebildet, der folgende Richtlinien als Mindestforderung festlegt.

1. Während der Übergangsperiode wählt das Volk einen Arbeiter- und Bauernrat.

2. Dieser trägt die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit und das Eigentum. Zuwiderhandlungen werden strengstens nach mehr festzusetzenden Bestimmungen geahndet.

2a. Sicherung der erforderlichen Nahrungsmittelbestände zur Volksernährung.

2b. Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitslose und von dem Heere entlaufenen Soldaten zur zeitgemäßen Bezahlung.

3. Die Behörden bleiben weiter unter der Kontrolle des Arbeiter- und Bauernrates im Amt, unter der Voraussetzung, daß sie sich der Neuorientierung anpassen.

4. Für das Beschwerderecht der Bevölkerung gelten als amtliche Instanzen die Arbeiter- und Bauernräte, für Militär Soldatenräte; unberührt hiervon kann auch die behördliche Instanz ohne Verantwortung der Räte angerufen werden.

5. Arbeiter- und Bauernrat arbeitet mit dem im Dienste befindlichen Behörden und Organen im Interesse der Einigkeit und zum Wohle des Volkes zusammen. In der Erwartung, daß sich die städtischen Organe in diesem Sinne mit Rechtsbelehrung versehen, geben wir uns der angenehmen Hoffnung hin, unter Zusicherung, daß unsererseits alles getan ist und wird, zur Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherung des Eigentums und Bekämpfung der völligen Anarchie.

Der Arbeiter- und Bauernrat der Stadt Bensheim: Franz Josef Roß IV., Lorenz Metz, Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II, Stadtverordneter Joß I., Johann Schmitt X., Valentin Bayer II., W. Stärk. Der Soldatenrat der Lazarette Bensheim: Schröck, Treffert, Kopp, Keil
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Wir erklären uns mit dem Inhalt dieses Schriftstücks in allen Teilen einverstanden.

Bensheim, den 11. November 1918.

Der Bürgermeister

I.V. Krenkel
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Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat hat sich für die weitere Durchführung einer geregelte Lebensmittelversorgung verbürgt. Sein Hauptaugenmerk wird er auf die Bekämpfung des Schleichhandels und der Lebensmittelschiebung richten; die Schleichhändler und Schieber werden rücksichtslos zur Verantwortung gezogen und bestraft.

Die öffentliche Bewirtschaftung bleibt bestehen. Gegenwärtig wird die Aufnahme der Kartoffelvorräte im Kreise weiter durchgeführt. Es liegt nicht nur im Interesse der Verbraucher, sondern auch der Erzeuger, daß den damit beauftragten Kommissionen alle Bestände restlos angegeben und ihnen bei der Ausübung ihres Dienstes keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.



Bürostunden des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats sind auf vormittags 10-12 ½ Uhr, abends 6-8 Uhr aus dem Rathaus Zimmer Nr. 3 festgesetzt..


Militärpersonen wenden sich in allen Angelegenheiten an Karl Treffert im Lazarett katholische Schule Bensheim.

Die Volksversammlung in Bensheim.

Bensheim, den 11. November 1918. Die durch öffentlichen Anschlag gestern Nachmittag 3 Uhr einberufene Volksversammlung in der Städtischen Anlage fand unter regster Beteiligung wohl fast aller Kreise Bensheims statt und nahm, wie wir im Voraus bemerken wollen, einen durchaus ruhigen und sonach der Sache entsprechend, würdigen Verlauf.

• Herr Bürstenmacher Metz eröffnete die Versammlung, indem er in einer kurzen Ansprache darauf hinwies, daß es nunmehr nur noch darauf ankomme, Ruhe und Ordnung zu bewahren, damit das begonnene Werk seinen Fortgang nehmen möge, frei von allem Anarchismus.

Herr Stadtverordneter Roß als Referent führte in durchaus fachlichen Darlegungen aus, welche Gründe die Revolution veranlaßt, wie es notwendig geworden, daß das Volk ich frei gemacht habe und auch er betonte ganz besonders, daß nur dann ein gutes Ende zu erwarten sei, wenn jeder Selbstzucht übe. Um über die bestehende gesetzlose Zeit hinwegzukommen, schlug er vor, aus den Kreisen der Bevölkerung einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zu wählen, der mit Unterstützung der bisherigen öffentlichen Stellen die notwendigen Maßnahmen zu treffen hat. Er warnte ausdrücklich davor, falschen Einflüsterungen (Bolschewismus) Gehör zu schenken und ersuchte alles Derartige sofort den vom Volke gewählten Stellen mitzuteilen, damit Abhilfe getroffen werden kann und Schutz gewährleistet wird. Sein Hoch auf die Republik fand lauten Wiederhall.

Herr Schwedes, der das Wort ergriff, führte aus, mit welchem tiefen Ernst und Innerlichkeit die heutige Bewegung getragen werde. Auch seine Worte fanden Beifall.

Herr Metz schlug nunmehr vor zur Wahl der obengenannten Räte zu schreiten und machte Vorschläge. Die Vorschläge fanden durch Handaufheben einstimmige Annahme.

Es wurden gewählt:

Arbeiter: Franz Josef Roß IV.; Lorenz Metz Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II. Valentin Bayer II.

Bauern: Stadtverordneter Jost I., W. Stärk, Joh. Schmitt X.

Soldatenrat: Schröck, Treffert, Kopp, Keil.

Mit der nochmaligen Ermahnung zu absoluter Ruhehaltung schloß die Versammlung, der sich sofort eine Sitzung der gewählten Räte anschloß.
Auch wir wollen es nicht an der Ermahnung fehlen lassen, daß nur dann alles in Ruhe und Ordnung vor sich gehen kann. Dann wird auch die Allgemeinheit keinerlei Besorgnisse zu haben brauchen und so wird Person und Besitz nicht gefährdet werden. An die Eltern richten wir die dringende Bitte und Warnung, Kinder bei Eintreten der Dunkelheit zu Hause zu lassen und ihnen das unnütze Johlen und Schreien auf den Straßen zu verbieten. Wir werden nach wie vor bemüht sein, unsere Leser in dieser schweren Zeit von allem wichtigen zu unterrichten.

Die ersten drei Seiten des Bergsträßer Anzeigeblatts vom 11. November 1918




Links und Literaturhinweise

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