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Donnerstag, 8. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 11.11.1918 - Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Aufruf des Arbeiter-, Soldaten und Bauernrates Bensheim

Bensheim, den 10. November 1918.

An den Herrn Bürgermeister der Stadt Bensheim!

Nachdem im Vollzuge eine Überstürzung der Ereignisse im Zeichen der Zeit das republikanische Gebilde des Reiches, bezw. unseres engen Bundesstaates Hessen vor sich gegangen ist, geben wir Ihnen auch von den Umwandlungen der Dinge unserer Stadt für die Übergangszeit, während die Landesgesetze und amtlichen Behörden ruhen, bis neuerlassende bezw. bevollmächtigt sind, Kenntnis

In der heute, 10. November 1918 öffentlichen Volksversammlung wurde der unterzeichnete Arbeiter- und Bauernrat, sowie als Abteilung für sich, ein Soldatenrat gebildet, der folgende Richtlinien als Mindestforderung festlegt.

1. Während der Übergangsperiode wählt das Volk einen Arbeiter- und Bauernrat.

2. Dieser trägt die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit und das Eigentum. Zuwiderhandlungen werden strengstens nach mehr festzusetzenden Bestimmungen geahndet.

2a. Sicherung der erforderlichen Nahrungsmittelbestände zur Volksernährung.

2b. Beschaffung von Arbeitsgelegenheit für Arbeitslose und von dem Heere entlaufenen Soldaten zur zeitgemäßen Bezahlung.

3. Die Behörden bleiben weiter unter der Kontrolle des Arbeiter- und Bauernrates im Amt, unter der Voraussetzung, daß sie sich der Neuorientierung anpassen.

4. Für das Beschwerderecht der Bevölkerung gelten als amtliche Instanzen die Arbeiter- und Bauernräte, für Militär Soldatenräte; unberührt hiervon kann auch die behördliche Instanz ohne Verantwortung der Räte angerufen werden.

5. Arbeiter- und Bauernrat arbeitet mit dem im Dienste befindlichen Behörden und Organen im Interesse der Einigkeit und zum Wohle des Volkes zusammen. In der Erwartung, daß sich die städtischen Organe in diesem Sinne mit Rechtsbelehrung versehen, geben wir uns der angenehmen Hoffnung hin, unter Zusicherung, daß unsererseits alles getan ist und wird, zur Aufrechterhaltung der Ruhe, Ordnung und Sicherung des Eigentums und Bekämpfung der völligen Anarchie.

Der Arbeiter- und Bauernrat der Stadt Bensheim: Franz Josef Roß IV., Lorenz Metz, Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II, Stadtverordneter Joß I., Johann Schmitt X., Valentin Bayer II., W. Stärk. Der Soldatenrat der Lazarette Bensheim: Schröck, Treffert, Kopp, Keil
___________________

Wir erklären uns mit dem Inhalt dieses Schriftstücks in allen Teilen einverstanden.

Bensheim, den 11. November 1918.

Der Bürgermeister

I.V. Krenkel
___________________

Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat hat sich für die weitere Durchführung einer geregelte Lebensmittelversorgung verbürgt. Sein Hauptaugenmerk wird er auf die Bekämpfung des Schleichhandels und der Lebensmittelschiebung richten; die Schleichhändler und Schieber werden rücksichtslos zur Verantwortung gezogen und bestraft.

Die öffentliche Bewirtschaftung bleibt bestehen. Gegenwärtig wird die Aufnahme der Kartoffelvorräte im Kreise weiter durchgeführt. Es liegt nicht nur im Interesse der Verbraucher, sondern auch der Erzeuger, daß den damit beauftragten Kommissionen alle Bestände restlos angegeben und ihnen bei der Ausübung ihres Dienstes keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden.



Bürostunden des Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrats sind auf vormittags 10-12 ½ Uhr, abends 6-8 Uhr aus dem Rathaus Zimmer Nr. 3 festgesetzt..


Militärpersonen wenden sich in allen Angelegenheiten an Karl Treffert im Lazarett katholische Schule Bensheim.

Die Volksversammlung in Bensheim.

Bensheim, den 11. November 1918. Die durch öffentlichen Anschlag gestern Nachmittag 3 Uhr einberufene Volksversammlung in der Städtischen Anlage fand unter regster Beteiligung wohl fast aller Kreise Bensheims statt und nahm, wie wir im Voraus bemerken wollen, einen durchaus ruhigen und sonach der Sache entsprechend, würdigen Verlauf.

• Herr Bürstenmacher Metz eröffnete die Versammlung, indem er in einer kurzen Ansprache darauf hinwies, daß es nunmehr nur noch darauf ankomme, Ruhe und Ordnung zu bewahren, damit das begonnene Werk seinen Fortgang nehmen möge, frei von allem Anarchismus.

Herr Stadtverordneter Roß als Referent führte in durchaus fachlichen Darlegungen aus, welche Gründe die Revolution veranlaßt, wie es notwendig geworden, daß das Volk ich frei gemacht habe und auch er betonte ganz besonders, daß nur dann ein gutes Ende zu erwarten sei, wenn jeder Selbstzucht übe. Um über die bestehende gesetzlose Zeit hinwegzukommen, schlug er vor, aus den Kreisen der Bevölkerung einen Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zu wählen, der mit Unterstützung der bisherigen öffentlichen Stellen die notwendigen Maßnahmen zu treffen hat. Er warnte ausdrücklich davor, falschen Einflüsterungen (Bolschewismus) Gehör zu schenken und ersuchte alles Derartige sofort den vom Volke gewählten Stellen mitzuteilen, damit Abhilfe getroffen werden kann und Schutz gewährleistet wird. Sein Hoch auf die Republik fand lauten Wiederhall.

Herr Schwedes, der das Wort ergriff, führte aus, mit welchem tiefen Ernst und Innerlichkeit die heutige Bewegung getragen werde. Auch seine Worte fanden Beifall.

Herr Metz schlug nunmehr vor zur Wahl der obengenannten Räte zu schreiten und machte Vorschläge. Die Vorschläge fanden durch Handaufheben einstimmige Annahme.

Es wurden gewählt:

Arbeiter: Franz Josef Roß IV.; Lorenz Metz Oswald Claus, Johann Bernhardt, Philipp Rödel II. Valentin Bayer II.

Bauern: Stadtverordneter Jost I., W. Stärk, Joh. Schmitt X.

Soldatenrat: Schröck, Treffert, Kopp, Keil.

Mit der nochmaligen Ermahnung zu absoluter Ruhehaltung schloß die Versammlung, der sich sofort eine Sitzung der gewählten Räte anschloß.
Auch wir wollen es nicht an der Ermahnung fehlen lassen, daß nur dann alles in Ruhe und Ordnung vor sich gehen kann. Dann wird auch die Allgemeinheit keinerlei Besorgnisse zu haben brauchen und so wird Person und Besitz nicht gefährdet werden. An die Eltern richten wir die dringende Bitte und Warnung, Kinder bei Eintreten der Dunkelheit zu Hause zu lassen und ihnen das unnütze Johlen und Schreien auf den Straßen zu verbieten. Wir werden nach wie vor bemüht sein, unsere Leser in dieser schweren Zeit von allem wichtigen zu unterrichten.

Die ersten drei Seiten des Bergsträßer Anzeigeblatts vom 11. November 1918




Links und Literaturhinweise

© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Samstag, 21. Oktober 2017

Die Gebrüder Zehnbauer - Johann Heinrich Zehnbauer, Fotografien Mai 1918, Geluwe, Belgien (06_004; 11_003)

Zwei Fotografien vom Mai 1918 zeigen die Sint-Dionysiuskerk in Geluwe. Die Innenaufnahme des Kirchenschiffes (11_003) zeigt deutlich die Schäden, die der Krieg an der Kirche, dem Ort und im Raum Ypern hinterlässt. Der Wiederaufbau der Kirche dauert bis 1926, zwischenzeitlich stellt das Amerikanische Rote Kreuz eine großzügige Notunterkunft zur Verfügung, die als Schule und Kirche dient.

Auch im Zweiten Weltkrieg sollte die Kirche in Mitleidenschaft gezogen werden, wurden doch ein zweites Mal die Glocken demontiert und zum Einschmelzen nach Deutschland verbracht. 1945 tauchten sie in Hamburg wieder auf und konnten nach Geluwe zurückgebracht werden[1].

Generell sind die Kämpfe im Frühjahr und Sommer 1918 geprägt von einem intensiven Einsatz der Artillerie und zudem auch vom Einsatz an Gasangriffen, gilt es doch eine Großoffensive gegen die alliierten Truppen zu führen, die kurzfristig auch zu Raumgewinnen von bis zu 20 km in Richtung Westen erzielt[2]. Seit dem 10. Mai 1918 liegen nun Stab, Batterie 1 und 2/22 mitsamt Kolonnen in Geluwe, aus dieser Zeit stammen die zwei Bilder.

NL_Zehnbauer_11_003.jpg; Nachlass Zehnbauer, Bensheim; Kirche in Geluwe (heute Stadtteil von Wervik, Belgien), im Monat Mai 1918. Seit dem 9. Mai 1918 lagen der Stab und die Batterien 1 und 2 des Masurischen Fußartillerie Regiments 22 mit Kolonnen nördlich und südlich von Geluwe. Digitalisierung: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.


Das Bild vom Mai 1918 (06_004) zeigt die völlig zerstörte Innenstadt der Gemeinde Geluwe knapp 15 km südöstlich von Ypern. Es zeigt im Hintergrund die Sint-Dionysiuskerk, die während der Kämpfe im Raum Ypern schwere Schäden an Decken und Dach genommen hat und zudem ihre Glocken einbüßen musste, da diese am 17.07.1917 durch die deutschen Truppen demontiert wurden[3]. Aufgenommen wurde das Bild vermutlich aus den Trümmern des alten Stadthauses, westlich der Kirche[4].

NL_Zehnbauer_06_004.jpg; Nachlass Zehnbauer, Bensheim; Kirche in Geluwe (heute Stadtteil von Wervik, Belgien), im Monat Mai 1918. Seit dem 9. Mai 1918 lagen der Stab und die Batterien 1 und 2 des Masurischen Fußartillerie Regiments 22 mit Kolonnen nördlich und südlich von Geluwe. Digitalisierung: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.

Standort des Stab, Batterie 1 und 2/22 sowie Kolonnen im Mai 1918


Links und Literaturhinweise

[1] https://nl.wikipedia.org/wiki/Sint-Dionysiuskerk_(Geluwe), (besucht am 06.04.2017)
[2] Piekalkiewicz, Janusz (1994): Seite 541 ff.
[3] https://nl.wikipedia.org/wiki/Sint-Dionysiuskerk_(Geluwe) (besucht am 06.04.2017)
[4] siehe Filtzinger, Ph. (1933) Seite 297ff – G(h)eluwe wird hier als Quartier mehrfach genannt.


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Freitag, 13. Oktober 2017

Drei Gebrüder Zehnbauer - Johann Heinrich Zehnbauer, Fotografie "Pferdchen" 25.01.1918 (11_001)

Dieses Bild zeigt Johann Heinrich Zehnbauer mit Pferden und Maultieren und die Rückseite enthält einen ausführlichen Text, der in Bleistift verfasst wurde, allerdings kaum zu entziffern ist. Teile des Anfangs lassen sich noch entziffern, die untere Hälfte hingegen ist verloren. Es geht hauptsächlich um die abgelichteten Tiere. Auch die Bildqualität ist schlecht, Teile des Bildes sind abgekratzt. 

„Andenken an das […]kommando der Div. […] aufgenommen am 25. Januar 1918 in […] Liebe gute Frau! Hebe mir das Bildchen nur gut auf, da sind unsere kleinen Pferdchen und Esel. Es ist nur schade, daß das Bild nicht […] worden ist. An dem Pferdchen, das ich unter dem Arm habe, kannst du sehen wie klein die Tierchen sind. Hinter mir hat sich gerade das kleine [Tierchen] gewälzt. […]"

Aufgrund der unleserlichen Ortsangabe lässt sich nur eine grobe Verortung vornehmen. Im Januar 1918 liegt das Bataillon im Raum Roeselare, Belgien[1].

NL_Zehnbauer_11_001.jpg; Nachlass Zehnbauer, Bensheim; „Andenken an das […]kommando der Div. […] aufgenommen am 25. Januar 1918 in […] Liebe gute Frau! Hebe mir das Bildchen nur gut auf, da sind unsere kleinen Pferdchen und Esel. Es ist nur schade, daß das Bild nicht […] worden ist. An dem Pferdchen, das ich unter dem Arm habe, kannst du sehen wie klein die Tierchen sind. Hinter mir hat sich gerade das kleine [Tierchen] gewälzt. […], digitalisiert und transkribiert: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.


Standort der Munitionskolonne, 2. Batterie, 1. Bataillon, Masurisches Fußartillerie Regiment 22




Links und Literaturhinweise

[1] Filtzinger, Ph. (1933): Seite 260f.


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Samstag, 8. April 2017

Der Krieg ist aus... Gefreiter Jakob Seeger verstirbt 24 Tage nach Kriegsende in der Ukraine kurz vor seiner Heimkehr...

Am 5. Dezember 1918, 24 Tage nach Kriegsende und kurz vor der Rückkehr in die Heimat, verstirbt Gefreiter Jakob Seeger in Russland. Er erkrankte und verstarb an einer Lungenentzündung. Er wird in Russland beigesetzt und seine Familie erhält vom zuständigen Militärpfarrer ein persönliches und ausführliches Begleitschreiben.

In der Heimat werden die Freunde und Angehörigen über eine entsprechende Traueranzeige informiert.

Der Text des Briefes lautet:
Im Felde, 9. Dezember 1918
Liebe Frau Seeger! Von einem großen, schmerzlichen Schicksalsschlag sind Sie betroffen worden. Ihr herzensguter Mann ist kurz vor der Rückberufung aus dem Felde gestorben, und er hinterläßt nun eine tiefbetrübte Witwe und das liebe Kind. Es wird für Sie, nachdem Sie durch den langen Krieg all die Jahre hindurch getrennt waren und nun sich schon herzlichst auf eine Heimkehr freuten, ein schmerzliches Kreuz und Last zu tragen sein, daß es jetzt noch bei Kriegsende so ganz anders gekommen ist und Gott ihren lieben Mann abberufen hat. Ich kann Ihnen nur herzlichst wünschen, daß er, der Sie so gebeugt hat in Ihrer Trübsal, Ihnen auch die Kraft geben möge, sich wieder aufzurichten und mutig den Kampf des Lebens anzutreten, wenn er auch nun ohne den Gatten und treuen Lebensgefährten geschehen muß. Sie haben ja von ihm das Kind, werden in ihm stets das Abbild des Heimgegangenen sehen, und das wird Ihnen gewiß die Sorge um das Kind und seine Erziehung zu einem tüchtigen, wakeren Menschen erleichtern können.
Die Beerdigung, wobei noch 2 andere deutsche Kameraden zur letzten irdischen Ruhe getragen wurden, fand in feierlicher, würdiger Weise im Beisein der Kameraden und Offiziere statt. Auch Musik war zugegen. Die Worte über den Bibelspruch: "Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind.“ Lukas 10,20, die ich in der Grabrede ihrem Mann widmete, sind folgendermaßen: ----- und nun ein letztes Wort über euren Kameraden Jakob Seeger. Mit seinem Namen klingt das hohe Lied der [deutsche] Treue in euer Ohr hinein. Treu fast 4 Kriegsjahre hindurch, nämlich seit Weihnachten 1914 war er seinem Herrn, der jetzt an seinem Grab nur in tiefem Schmerz und in herzlicher Dankbarkeit ihm das letzte Lebewohl sagt. Denn die Treue eines so lieben und wunderbaren Lebensgefährten, eines so schlichten, ehrlichen warmherzigen Menschen - erwiesen und bewährt in Freud und Leid, in so langen bittren Jahren, wie sie dieser Krieg gebracht hat - kann man nicht vergessen; sondern solche Treue steigt leuchtend, so wie ein Heiligtum vor der Seele auf, wenn man sie zu Grabe tragen muß.
Nur um solche Treue, die nun den letzten Herzschlag getan, trauern zu Hause gleichfalls und mit tiefem, heißem Schmerz die Gattin und das Kind, die der jung verheiratete Mann hinterläßt. Noch an seinem Todestage, dem 5. Dezember, als der Kranke sich für Augenblicke wohl und gehobener fühlte und mit seinem Hauptmann sprach, der ihn im Lazarett besuchte - da freute er sich, daß er nun bald in seine Heimat und zu seiner Familie gehen würde. Gott hat es anders bestimmt gehabt. Seine schöne Heimat, das Hessenland, ließ er ihn eintauschen, so hoffen wir, gegen eine andere Heimat, die noch schöner ist: das Himmelreich. Wir rufen ihm noch als unseren letzten Gruß das Bibelwort, das auch an den beiden anderen Entschlafenen zur Wahrheit werden möge: "Freut euch, daß eure Namen im Himmel geschrieben sind." Seine Familie aber zu Hause und sein Hauptmann und seine nächsten Kameraden, die ihm noch tiefer ins Herz gesehen und ihn ganz verstanden haben, die mögen denken noch an ein anderes Bibelwort, das [...] auf den Entschlafenen ist und das uns selber, den Lebenden, zur Mahnung dienen soll, es ist das Wort: "Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben." Amen.
In herzlicher Teilnahme 
Erdmann Felddivisonspfarrer
den Brief von Hauptmann L lege ich bei.
Brief transkribiert durch Frank Stoll-Berberich, Stand: 13.03.2017.

BIAB_HBS_0016.jpg, Brief zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober, Zusammengestellt und transkribiert von Frank-Egon Stoll-Berberich 2017.



Die Traueranzeige, vermutlich aus dem Bergsträßer Anzeigeblatt, lautete wie folgt:


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Samstag, 1. April 2017

...übersenden wir Ihnen den Nachlass ihres Mannes: 1 Taschenuhr mit Kette,... 1 Trauring...

Bereits einen Tag nach dem Tode Jakob Seegers (1887-1918), also am 6. Dezember 1918, sieht sich der zuständige Stabs- und gleichzeitige Chefarzt des Ortslazaretts der Sanitätskompagnie 238 dazu veranlasst, der Witwe Seegers einen ausführlichen Brief über die genauen Todesumstände und den Verlauf der Beisetzung zu schreiben. Pflichtgemäß erhält sie zudem eine Auflistung der im Lazarett verwahrten Gegenstände Seegers, die ihr auf dem Postwege - einschließlich des Geldbetrages von 44,60 Mark - zugesandt werden. Der Inhalt des Briefes lautet: 

Im Felde, den 6. Dezember 1918
Sehr geehrte Frau!
Das Ortslazarett der Sanitäts-Kompagnie 238 erfüllt hiermit die Pflicht, Ihnen die traurige Nachricht zukommen zu lassen, daß Ihr Mann der Gefreite Jakob Seeger von dem Militär Güter- und Paketamt 203 am 5. Dezember 1918 nachmittags 6 Uhr 15 Minuten an Lungenentzündung verstorben ist.
Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Soldaten-Ehrenfriedhofe 2 [klein] südlich des Ortes Nowo-Bjelitza bei Gomel (Ukraine) links von der Chausee hinter dem russischen Lazareth.
Die Bestattung erfolgte in gebührender Weise in einem Holzsarge im Einzelgrab im Beisein seiner Kameraden. Der Divisionspfarrer hielt die Rede.
Die Krankheit war so schwerer Art, daß das Leben leider nicht mehr erhalten werden konnte. Es wurde alles aufgeboten, seine letzten Stunden so leicht als möglich zu gestalten.
Beigeschlossen übersendet das Lazarett den bei Ihrem verstorbenem Mann vorgefundenen Nachlaß: 1 Taschenuhr mit Kette, 1 Brieftasche , 1 Trauring, 1 Notizbuch, 2 Rasiermesser, 1 Rasierpinsel, 1 Kamm, 1 Streifriemen, 1 Abziehstein, 2 Paar Strümpfe, 1 Taschentuch und eine Börse mit Mk. 44,60. - welche per Postanweisung übersandt werden. Zudem Ihnen das Lazarett zu dem schweren Verlust, den Sie erlitten haben, das innigste Beileid ausdrückt bin ich mit vorzüglicher Hochachtung Ihr sehr ergebener  
Dr. [...] Stabsarzt und Feldarzt

BIAB_HBS_0017.jpg Brief an Frau Maria Seegers aus Auerbach (heute Bensheim-Auerbach) vom Stabsarzt der Sanitätskompagnie 238 vom 6. Dezember 1918. Brief zur Verfügung gestellt durch Hans Bernhard Schober, Zusammengestellt und transkribiert von Frank-Egon Stoll-Berberich 2017



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Samstag, 25. März 2017

Sehr geehrte Frau Seeger... ihr Mann ist nämlich krank geworden....der Zustand ist gefährlich

Als dieser Brief verfasst wurde, schien der vorgesetzte Hauptmann Jakob Seegers noch davon auszugehen, dass dieser im Lazarett gesunden würde. Frau Seeger erhielt diesen Brief, als ihr Mann bereits verstorben war. 
Der Hauptmann schildert den genauen Ablauf der Behandlung, der Brief wirkt in der Absicht geschrieben worden zu sein, die Ehefrau zu informieren, zu beruhigen und gleichzeitig auf das Unvermeidliche vorzubereiten.
Es sind Zeitdokumente wie diese, die den Begriff "Schicksal" mit Inhalt füllen, dokumentieren sie doch die ganze Tragik- wenn auch versteckt- , die sich fernab der Heimat abgespielt haben muss.

Der Hauptmann schreibt:
Gomel 05.12.1918
Militär-Güteramt 203 Deutsche Feldpost No 2012
Sehr geehrte Frau Seger!
Wenn wir uns persönlich auch noch nicht kennen, so wissen wir durch die Vermittelung Ihres Mannes jedenfalls doch so vieles von einander, daß wir uns nicht ganz fremd gegenüberstehen und werden wir, wenn wir hoffentlich im Januar nach Hause kommen, uns auch persönlich kennen lernen.
Wenn ich heute an Sie schreibe, so geschieht es gegen den Willen Ihres Mannes, jedoch ich halte mich dazu für verpflichtet. 
Er ist nämlich krank geworden, und hat sich eine linksseitige Lungenentzündung zugezogen. Donnerstag den 28. 11. [...] ,und er selbst auch, er habe sich eine Erkältung zugezogen und er versuchte am Freitag diese durch ordentliches Schwitzen und unter zur Hilfenahme von Glühwein, auszutreiben.Da es jedoch bis Abends nicht besser war bat ich einen Arzt zu kommen, dieser war jedoch abgehalten und konnte erst Samstag Nachm. kommen. Er stellte Lungenentzündung fest und ordnete an, daß er in das Lazarett nach Nowobillitza zu überführen sei. Wir besprachen die beste Art der Überführung, der Arzt war für Überführung im Auto, ich widersprach jedoch mit Rücksicht darauf, daß er sich im offenen Auto, auch wenn er noch so gut verpackt worden wäre, weiter hätte verkühlen können. Er wurde sodann im Zuge in gut geheizten Wagen bis an das Lazarett gefahren; ich war zum Abschied noch bei ihm im Wagen und versprach ihn nächsten Tage zu besuchen. Am Sonntag wurde er ins Lazarett gebracht. Montag und Dienstag schickte ich von meinen Leuten je einen Mann zu ihm, um zu erfahren wie es ihm gehe. Am Mittwoch früh 8 Uhr besuchte ich ihn selbst. Ich sprach erst mit dem behandelnden Arzt Dr. Brill, welcher aus Darmstadt ist, und sich Ihres Mannes sehr annimmt. Er bat mich jedoch nicht allzulange bei dem Kranken, welcher in einem besonderen gut beheizten Zimmer mit Doppelfenstern untergebracht ist, zu verweilen, weil über Nacht auch der rechte Lungenflügel angegriffen worden sei. Wir sprachen verschiedenes mit einander und das wir bald zusammen nach Hause fahren würden. Würde er vorher im Lazarettzuge [befördert], so würde ich ihm noch einen besonders guten Mann vom Amte zur Begleitung mitgeben. Auch freute er sich, daß der behandelnde Arzt ein Landsmann ist.
Wenn auch sein Zustand nicht hoffnungslos ist, wie mir der Arzt versicherte, so darf ich Ihnen nicht verschweigen, daß er gefährlich ist.
Ich werde ihn täglich besuchen und Ihnen Bericht erstatten und hoffe ihn mit Gottes Hilfe bald wieder gesund zu sehen, so daß wir, die wir schon so oft mit einander gewandert sind auch zusammen in der Heimat einziehen können, wenn es in Deutschland auch nicht sehr verheißungsvoll ist, die Heimat ist es doch. 
Herzlichen Gruß Ihr Buhler Hptm [Anm.: Hauptmann]
Leider ließen sich nicht alle Worte entziffern, es fehlen insgesamt 6 Worte, die allerdings keinen Einfluss auf das Textverständnis haben.

Ein herzliches Dankeschön an Herrn Peter Dörling, der einige komplizierte Worte entziffern konnte.

BIAB_HBS_0018.jpg Brief zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober, Dokument zusammengestellt und transkribiert: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017

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