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Dienstag, 6. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 29.07.1914 - Diplomatisches Zwischenspiel

Diplomatisches Zwischenspiel 

Die drohende Gefahr, daß sich aus der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Österreich-Ungarn und Serbien leicht ein allgemeiner europäischer Krieg entwickeln könnte, hat in den einflußreicheren diplomatischen Kreisen unseres Weltreiches eine lebhafte Tätigkeit hervorgerufen, um dieser Gefahr noch rechtzeitig zu begegnen. In bemerkenswerter Weise ist hierbei seitens der englischen Regierung die Initiative ergriffen worden. Sie ließ durch ihre Botschafter in Berlin, Ron und Paris die Anfrage bei den betreffenden Regierungen stellen, ob sie einer gemeinsamen Konferenz ihrer in London beglaubigten Botschafter mit dem englischen Minister des Auswärtigen Sir E. Grey zustimmen würden, Welche sich bemühen solle, Mittel zu einer Beilegung der gegenwärtigen politischen Schwierigkeiten zu finden. Gleichzeitig ist englischerseits eine weitere diplomatische Aktion bewerkstelligt worden, welche bezweckt, die österreichisch-ungarische, die russische und die serbische Regierung von dem englischen Konferenzvorschlag zu verständigen und die genannten Regierungen zur Einstellung aller militärischen Operationen bis zur Beendigung der Konferenz zu bewegen. Sir E. Grey gab zu dem Konferenzvorschlage der britischen Regierung in der Montagssitzung des Unterhauses eine längere Erklärung ab, woraus erhellt, daß der englische Premierminister ein Zusammenwirken der vier an der österreichisch-serbischen Frage nicht unmittelbar interessierten Mächte, nämlich Deutschlands, Frankreichs, Italiens und Englands, als die einzige Chance zur Erhaltung des europäischen Friedens erachtet. Weiter meinte er, daß die serbische Antwort auf die österreichische Ultimatums-Note vielleicht wenigstens eine Grundlage darbieten könnte, auf welcher die Vermittelungs- und Einigungsbemühungen einsetzen könnten. Sir Edward Gren schloß seine Ausführungen mit dem ernsten Hinweis darauf, daß von dem Augenblick an, da eine andere Großmacht in den österreichisch-serbischen Konflikt verwickelt würde, dies zu einer der größten Katastrophen führen würde, die es jemals in Europa gegeben habe.
Sicherlich hat der englische Premierminister mit diesem Hinweis durchaus recht und es steht nur aufrichtig zu wünschen, daß der von ihm angeregte Versuch, auf dem Wege einer deutsch-französisch-italienisch-englischen Konferenz den kriegerischen Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien zu lokalisieren, von Erfolg begleitet sein möge. Wenn indessen Sir E. Grey der Meinung Ausdruck verliehen hat, die serbische Antwort an Österreich-Ungarn dürfte sich vielleicht als eine Grundlage für die Verhandlungen der geplanten Konferenz eignen, so sollte hierin wohl nur ein gewisses Wohlwollen für Serbien bekundet werden. Denn aus dem jetzt von Wiener amtlicher Seite im wesentlichen bekannt gegebenen Wortlaut der serbischen Antwortnote ist klar zu ersehen, daß Serbiens hierin enthaltenen 3ugeständnisse an die so schwer beleidigte habsburgische Monarchie durch die hierbei gemachten Vorbehalte und Einschränkungen nahezu völlig wertlos für den Teil waren. Um so mehr Bedeutung wird der Vermittelungsaktion der vier Mächte zukommen, sie kann aber nur dann wirklichen Erfolg erzielen, wenn Rußland seine bisherige zweideutige Haltung in dem österreichisch-serbischen Konflikt endlich aufgibt und sich ehrlich mit auf die Seite der Friedensfreunde stellt. Im übrigen ist noch die Nachricht zu verzeichnen, daß bislang Frankreich rückhaltlos dem englischen Konferenzvorschlag zugestimmt hat. Schließlich steht wohl zu erwarten, daß Kaiser Wilhelm, nachdem er von seiner Nordlandsfahrt im Neuen Palais eingetroffen ist, sein gewichtiges Wort im Sinne der Wahrung des Völkerfriedens Europas geltend machen wird, welche Erwartung sogar die Chauvinisten an der Seine hegen. Die „Kölnische Zeitung“ meldet aus Berlin: Der Wunsch der Westmächte, durch eine rechtzeitig vermittelnde Einwirkung ein Übergreifen des österreichischen Streites mit Serbien auf das Verhältnis zwischen den Großmächten zu verhüten, wird von der deutschen Politik nicht nur in platonischer Weise gehegt, sondern das Berliner Kabinett ist bereits in mehr als einer Hauptstadt für die Zwecke einer den europäischen Frieden sichernden Vermittlung tätig gewesen. Man begrüßt hier, daß jetzt durch die Initiative Grens der Vermittlungsgedanke amtliche Gestalt angenommen und der Öffentlichkeit zur Erörterung gestellt worden ist. Es machen sich aber Zweifel geltend, ob als Organ für die Vermittlung eine Konferenz von vier Großmächten ein geeignetes Auskunftsmittel darstellt und daß man die Einzelheiten des österreichisch-serbischen Streites die lediglich beide Staaten angehen, nicht vor das Forum einer Konferenz ziehen kann; darüber herrscht wohl allgemein Übereinstimmung. Aber auch was die rechtzeitige Beseitigung der zwischen Österreich-Ungarn und Rußland etwa aufkeimenden Schwierigkeiten betrifft, muß die Frage aufgeworfen werden, ob die Regierungen dieser beiden Mächte gewillt sind, die Konferenz der vier anderen Großmächte mit einer amtlichen Vermittlung zu betrauen. Es scheint für das Gelingen der Vermittlung zweckmäßiger, wenn man die Mittel dafür möglichst einfach gestaltet und sich in unmittelbarem Verkehr mit den Hauptstädten der beteiligten Reiche der fortlaufenden diplomatischen Erörterungen und Einwirkung bedient, um ein vermittelndes Vorgehen bis zu dem allseitig gewünschten Ergebnis durchzuführen. Bei der Benutzung dieses Weges würde Deutschland es an der den Westmächten schon bewiesenen Mitwirkung auch weiterhin nicht fehlen lassen. Inzwischen wurde von Österreich offiziell der Krieg erklärt. Das Wiener Korrespondenz-Bureau meldet: Wien, 28. Juli. Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner k. und k. apostolischen Majestät vom 28. Juli 1914 wurde heute an die königlich serbische Regierung eine in französischer Sprache abgefaßte Kriegserklärung gerichtet, welche in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet: Da die königlich serbische Regierung die Note, welche ihr vom österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so sieht sich die k. und k. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst für die Wahrung ihrer Rechte und Interesse Sorge zu tragen und zu diesen Ende an die Gewalt der Waffen zu appellieren. Österreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem Augenblicke an als im Kriegszustand mit Serbien befindlich. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußeren Graf Bechtold.
Belgrad, 28. Juli. Nach einer ergänzenden Mobilisierungsorder sind in Serbien alle Wehrpflichtigen vom 18. bis zum 60. Lebensjahr einberufen worden. Das bedeutet also eine allgemeine Mobilisierung. Das Hauptquartier befindet sich in Nisch. Die Mobilisierung schreitet rasch vorwärts. In Belgrad herrscht nach dem ersten Rausch eine ernste nüchterne Stimmung. Die Zeitungen schreiben, der Frieden sei noch nicht endgültig verloren.
Wien, 27. Juli. (W. B.) Bei Temeskubin beschossen serbische Truppen, die sich auf einem Donaudampfer befanden, von dem Schiffe aus österreichische Truppen. Das Feuer wurde erwidert. Es entspann sich ein größeres Geplänkel.
Wien, 28. Juli. Die österreichischen Truppen haben die Ungarische Grenze überschritten und mit dem Vormarsch nach Mitrovitza den programmmäßigen Punkt erreicht. Die Serben sind überall zu rückgeworfen worden. In Wien wurde die Nachricht von dem Ausbruch der Feindseligkeiten mit großem Jubel aufgenommen. Mitrovitza ist ein ungarischer Grenzort an der Save und hat ungefähr 12000 Einwohner. Eine weitere Wiener Meldung besagt, auf der Donau bei Kozemo wurde ein serbischer Truppentransport auf dem Dampfer „Wardar“ und „Zar Nikolaus“ von der österreichischen Bootsflotille aufgebracht.. Hier wurden die ersten serbischen Gefangenen gemacht.
Wien, 28. Juli. Wie die „Vossische Zeitung“ aus authentischer Quelle meldet, wird Erzherzog Friedrich, dem jüngst die militärischen Funktionen des ermordeten Erzherzogs Franz Ferdinand übertragen worden sind, das Oberkommando über die österreichische Armee gegen Serbien im Auftrage des Kaisers übernehmen.
Das Berliner Tageblatt meldet aus Bodenbach: Der serbische General Marinowitsch, der gestern von Karlsbad kommend, auf dem Bahnhof Marienbad eintraf, wurde von der Polizei verhaftet, auf Anordnung von Wien jedoch wieder freigelassen.
Wien, 27. Juli. Der Patriotismus der Monarchie gibt sich in opferwilliger Bereitschaft aller Bevölkerungsschichten, insbesondere in zahlreichen Spenden und Sammlungen für die im Felde stehenden Soldaten und die Familien der eingerückten Reserven kund. Für diese nimmt das Kriegsministerium alle Gaben entgegen. Die Reichsorganisation der Hausfrauen Österreichs erläßt einen Aufruf zu einer großen Frauenhilfsaktion, Welche Unter anderem bezweckt; Schaffung eines Hilfsfonds, sowie Verdienstmöglichkeiten für die subsistenzlos gewordenen Frauen von Reservisten, Schaffung von Freitischen und Freimarken für die wichtigen Lebensmittel. Die deutschen Studenten in Prag haben beschlossen, eine Sammelstelle für das österreichische Rote Kreuz zu errichten. Die böhmische Ärzteschaft hat zur Organisation einer ärztlichen Hilfsaktion aufgefordert. – Der 62 Jahre alte Präsident des Herrenhauses, Fürst zu Windisch Grätz, der Major der Landwehr ist, meldete sich beim Landesverteidigungsminister zum freiwilligen Truppendienst in der Front. Auch das 54jährige Mitglied des Herrenhauses, Fürst Karl Auersperg, hat sich entschlossen, gleichzeitig mit seinem zur Truppe einberufenen Sohne freiwillig einzurücken. – Die Firma Gebrüder Gumann-Wien spendete für Zwecke des Roten Kreuzes 100 000 Kronen.
Wien, 28. Juli. Nach den vorliegenden Nachrichten erfolgt noch keine Mobilisierung Rußlands. Ferner wird gegenüber verschiedenen Gerüchten darauf hingewiesen, daß keine Anzeichen vorhanden sind, daß Serbien die österreichische Note nunmehr bedingungslos annehmen wollte.
Paris, 27. Juli. Eine Depesche aus Petersburg meldet, daß zwischen dem Zaren und Kaiser Wilhelm ein Depeschenaustausch stattgefunden habe. Man mißt dieser Tatsache in Bezug auf die Erhaltung des Friedens große Bedeutung bei.
London, 28. Juli. Im Unterhause fragte Bonar Law an, ob Asquith irgendwelche Informationen über die europäische Lage zu geben hätte. Asquith erklärte, daß keine Entwicklungen eintraten, die genügend bestimmt seien, um irgendeine weitere Erklärung zu ermöglichen. Die Regierung hoffe jedoch, daß hieraus kein ungünstiger Schluß gezogen werde. – Wie die Blätter melden, sind im Hafen von Porthmouth zur Zeit 29 Schlachtschiffe, 4 Schlachtkreuzer und 9 andere Kreuzer der ersten Flotte. Sie nahmen die Nacht über Kohlen ein. Kriegsmaterial und Proviant, das für mehrere Wochen ausreicht, wird ebenfalls eingenommen werden. Bis die internationale Lage sich geklärt hat, wird auf den Schiffen der ersten Flotte kein Urlaub erteilt werden. Wie es in kritischer internationaler Situation üblich ist, hat die Admiralität gestern die übliche Liste der Schiffsbewegungen nicht ausgegeben.
Paris, 28. Juli. Wie verlautet, wird Präsident Boincare morgen Nachmittag sofort nach seiner Ankunft einem Ministerrat vorsitzen.
Konstantinopel, 28. Juli. Der griechische Gesandte erklärt, daß Griechenland im Falle eines österreichischen Angriffs auf Serbien verpflichtet wäre, den Serben mit 100 000 Mann zu Hilfe zu kommen. Die Sympathiekundgebungen für Österreich dauern in deutschen Städte immer noch fort, während besonders in Petersburg und Moskau die Stimmung für Serbien hervorherrscht. Nach Nachrichten aus vielen amerikanischen Städten rüsten sich Tausende von österreichischen und ungarischen Reservisten in Erwartung des unmittelbaren Ausbruchs der Feindseligkeiten für die Abreise.
London, 28. Juli. Wie das Reutersche Bureau erfährt, hat das Auswärtige Amt heute die Mitteilung erhalten, daß Rußland im Prinzip dem englischen Konferenzvorschlag zuftimmt. Gleichzeitig wünscht Rußland den direkten Meinungsaustausch, mit Wien fortzusetzen.
Wien, 29. Juli. Die ,,Wiener Allgemeine Zeitung“ schreibt anscheinend nach Informationen von besonderer Seite: Über die Haltung Rußlands ist zur Stunde hier nichts bekannt. Die Nachricht, daß die russische Regierung irgendwelche Mobilisierungsordres erteilt habe, hat bisher noch keine Bestätigung gefunden. Wir und auch die übrigen Mächte sind durch unsere Vertreter am Petersburger Hofe über die Vorgänge in Rußland, soweit sie sich nicht überhaupt der Kenntnis entziehen, vollkommen unterrichtet. Es ist aber unmöglich, irgendwelche Prognosen zu stellen. Die politische Situation ist ja heute der Art, daß sich das Bild in kürzester Zeit zu verschieben vermag, weshalb es nicht angeht, auch nur für die nächsten Tage etwas bestimmtes Vorauszusagen. Vorläufig bewegt sich der Verkehr zwischen Rußland und Österreich auf der gewohnten freundschaftlichen Basis.
Berlin, 28. Juli. Die heutigen 27 ProtestversammIungen der Sozialdemokraten gegen den Krieg sind bei starkem Besuch im allgemeinen ohne Zwischenfall verlaufen. Nach Schluß der Versammlungen begaben sich Tausende von Teilnehmern Unter die Linden, wo zunächst ein ruhiger Demonstrationsspaziergang unternommen wurde. Plötzlich stießen mehrere Demonstranten Rufe aus: „Nieder mit dem Krieg“, die jedoch bald durch die Hochrufe des auf den Bürgersteigen versammelten Publikums auf Österreich und Deutschland übertönt wurden. Es artete zu einem förmlichen Kampf zwischen Sozialdemokraten und Schutzleute aus, obwohl die Linden für alle Aufzüge von der Polizei verboten wurden. Die Versammlungsteilnehmer erschienen zu Fuß und zu Wagen und in Automobilomnibussen. Die Schutzleute ritten mitten unter die Menge und diese versuchte, sich auf die Trottoire zu flüchten, wohin ihnen die Schutzleute folgten. – In der Nähe der russischen Botschaft kam es zu einer neuen großen Ansammlung, wobei das Arbeiterlied gesungen und Rufe „Nieder mit dem Krieg“ ausgebracht wurden. Die bürgerlichen Zuschauer verfolgten die Vorgänge mit lauten Rufen der Entrüstung. Es gelang den Schutzleuten, die Linden zu säubern, doch leisteten die Demonstranten passiven Widerspruch und es mußten mehrere Verhaftungen vorgenommen werden.
Berlin, 28. Juli. Auf der Pariser Börse fand heute ein geradezu ungewöhnlicher Kurssturz statt. Die Bedeutung dieses Vorgehens erhellt daraus, daß Berliner maßgebende Finanzkreise von dieser Tatsache nicht nur überrascht, sondern über sie aufs höchste bestürzt sind. Man fragt sich hier, welche unbekannte Ursache dieses Ereignis herbeigeführt hat und ob dieses nicht in militärischen Vorkehrungen Frankreichs zu suchen ist. Diese und andere Tatsachen ließen heute in Berlin die Stimmung höchst pessimistisch erscheinen.
Kiew, 28. Juli. Vor dem Denkmal Alexander III. und in verschiedenen Stadtteilen fanden serbenfreundliche Kundgebungen mit patriotischen Reden statt.




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Montag, 5. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 01.08.1914 - Kriegszustand erklärt

Amtlicher Teil.

An die Bevölkerung des Bezirks des XVIII. Armeekorps.

Seine Majestät der Kaiser hat das Reichsgebiet in Kriegszustand erklärt. Für diese Maßregel sind lediglich Gründe der raschen und gleichmäßigen Durchführung der erforderlichen militärischen Vorkehrungen maßgebend und nicht etwa die Besorgnis, daß die Bevölkerung die vaterländische Haltung werde vermissen lassen. Die Schnelligkeit und Sicherheit unseres Aufmarsches erfordert einheitliche und zielbewußte Leitung der gesamten vollziehenden Gewalt. Wenn durch die Erklärung des Kriegszustandes die Gesetze verschärft werden, so wird dadurch niemand, der das Gesetz beachtet und den Anordnungen der Behörden Folge leistet, in seinem Tun und Wirken beschränkt. Ich vertraue, daß die gesamte Bevölkerung alle Militär- und Zivilbehörden freudig und rückhaltslos unterstützen und uns damit die Erfüllung unserer hohen vaterländischen Pflichten erleichtern wird. Dann wird auch der alte Waffenruhm des Heeres aufrechterhalten und es vor den Augen unseres Kaisers und den Blicken der Nation in Ehren bestehen.

Der kommandierende General:


Erklärung. 
Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers wird für der Bezirk des XVIII. Armeekorps hierdurch der

Kriegszustand

erklärt.

Die vollziehende Gewalt geht damit an mich, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz an den Gouverneur bezw. Kommandanten der Festung über.

Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden verbleiben in ihren Funktionen. Sie haben aber meinen Anordnungen und Aufträgen, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz denen des Gouverneurs bezw. Kommandanten der Festung Folge zu leisten.

Der kommandierende General.

Artikel 68 der Reichsverfassung. 
Der Kaiser kann, wenn die öffentliche Sicherheit in dem Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Teil desselben in Kriegszustand erklären. Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung und die Wirkungen einer solchen Erklärung regelnden Reichsgesetzes (ist noch nicht erfolgt) gelten dafür die Vorschriften des preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851 (Gesetz-Samml. für 1851 S. 451 ff.)
Preußisches Gesetz vom 4. Juni 1851
§ 1.
Für den Fall eines Krieges ist in den, von dem Feinde bedrohten oder teilweise schon besetzten Provinzen jeder Festungskommandant befugt, die ihm anvertraute Festung mit ihrem Rajonbezirke, der kommandierende General aber den Bezirk des Armeekorps oder einzelne Teile desselben zum Zwecke der Verteidigung in Belagerungszustand zu erklären.

§ 4.
Mit der Bekanntmachung der Erklärung des Belagerungszustandes geht die vollziehende Gewalt an die Militärbefehlshaber über. Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden haben den Anordnungen und Aufträgen der Militärbefehlshaber Folge zu leisten.
Für ihre Anordnungen sind die betreffenden Militärbefehlshaber persönlich verantwortlich.

§ 8.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte der vorsätzlichen Brandstiftung, der vorsätzlichen Verursachung einer Überschwemmung, oder des Angriffs, oder des Widerstandes gegen die bewaffnete Macht, oder Abgeordnete der Zivil- oder Militärbehörde in offener Gewalt und mit Waffen, oder gefährlichen Werkzeugen versehen sich schuldig macht, wird mit dem Tode bestraft.
Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann, statt der Todesstrafe auf zehn- bis zwanzigjährige Zuchthausstrafe erkannt werden.

§ 9.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte 

a) in Beziehung auf die Zahl, die Marschrichtung oder angeblichen Siege der Feinde oder Aufrührer wissentlich falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, welche geeignet sind, die Zivil- oder Militärbehörden hinsichtlich ihrer Maßregeln irre zu führen, oder 

b) ein bei Erklärung des Belagerungszustandes oder während desselben vom Militärbefehlshaber im Interesse der öffentlicher Sicherheit erlassenes Verbot übertritt, oder zu solcher Übertretung auffordert oder anreizt, oder

c) zu dem Verbrechen des Aufruhrs, der tätlichen Widersetzlichkeit, der Befreiung eines Gefangenen, oder zu andern § 8 vorgesehenen Verbrechen, wenn auch ohne Erfolg, auffordert oder anreizt, oder

d) Personen des Soldatenstandes zu Verbrechen gegen die Subordination oder Bergehrung gegen die militärische Zucht und Ordnung zu verleiten sucht, soll, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft werden.

Einführungs-Gesetz zum Reichs-Strafgesetzbuch.
§ 4. 
Bis zum Erlasse der in den Artikeln 61 und 68 der Verfassung des Norddeutschen Bundes vorbehaltenen Bundesgesetze die in den §§ 81, 88, 90, 307, 311, 312, 315, 322, 323 und 324 des Strafgesetzbuchs für den Norddeutschen Bund mit lebenslänglichem Zuchthaus bedrohten Verbrechen mit dem Tode zu bestrafen, wenn sie in einem Teile des Bundesgebietes, welchen der Bundesfeldherr in Kriegszustand (Art. 68 der Verfassung) erklärt hat, oder während eines gegen der Norddeutschen Bund ausgebrochenen Krieges auf dem Kriegsschauplatze begangen werden.

Bekanntmachung 
Hiermit verbiete ich jede Veröffentlichung oder Mitteilung militärischer Ungelegenheiten. Übertretungen dieses Verbots werden streng bestraft. Frankfurt a. M., am 31. Juli 1914.
Der kommandierende General.




Link

Faksimile "Verhängung des Kriegszustandes durch Wilhelm II, 31 Juli 1914 [Reichsgesetzblatt 1914, 263]" auf Historisches Lexikon Bayerns [zuletzt besucht am 01.08.2017]

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Samstag, 13. Oktober 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 27.07.1914 - Kriegsbeginn

Der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

ist, nachdem die serbische Regierung auf die österreichische Note eine ablehnende Antwort erteilte, nunmehr zur Gewissheit geworden. Der österreichische Gesandte hat, gemäß seinen Instruktionen, am Samstag Abend 6 Uhr Belgrad verlassen, auch der serbische Gesandte ist aus Wien abgereist. In Wien hat man sich nicht zur Verlängerung der 48-stündigen Frist verstanden, in welchem Sinne sich Rußland und Frankreich in unverhüllter Parteinahme für ihren serbischen Schützling bei der österreichisch-ungarischen Regierung bemüht haben. Österreich-Ungarn war von vornherein fest entschlossen, auf seinen scharfen, aber freilich auch gerechtfertigten, Genugtuungsforderungen zu bestehen, während in Serbien die gesamte öffentliche Meinung noch vor Ablauf der Ultimatumsfrist mit aller Entschiedenheit gegen ein Eingehen Serbiens auf die Forderungen der großen Nachbarmonarchie gerichtet war. Die Regierung des Königs Peter würde zweifellos in einen schweren Konflikt mit dem durch seine nationalen und politischen Leidenschaften aufgeregten eigenen Volke geraten sein, wenn sie Österreich-Ungarn wesentlich entgegenkommen würde, und so muß denn ein Waffengang zwischen den beiden Nachbarstaaten entscheiden, die ja schon seit Jahren in einen mehr oder weniger gespannten Verhältnisse miteinander leben.
Bei Serbien, das kaum erst die beiden schweren Kriege gegen die Türkei und gegen Bulgarien überstanden hat, dürfte die feste Hoffnung auf eine tatkräftige Unterstützung seitens des Zweibundes, in erster Linie aber Rußlands, hierbei eine bestimmende Rolle spielen. Ein bewaffnetes Eingreifen des Zweibundes zugunsten Serbiens in einem eventuellen Kriege dieses ehrgeizigen Balkanstaates mit Österreich-Ungarn würde aber natürlich Deutschland und Italien an die Seite ihres österreichisch-ungarischen Verbündeten rufen, und dann würde das schon immer gefürchtete Unheil eines großen Weltkrieges mit einem Male über Europa hereinbrechen.
Ob es zu diesem Äußersten kommen wird, bleibt abzuwarten, bestehen doch für Rußland wie für Frankreich gewichtige Gründe, sich zurzeit nicht ohne zwingende Not in einen großen Krieg zu stürzen. Das Zarenreich leidet gerade im jetzigen Moment unter ernsten sozialrevolutionären Zuckungen in seiner Arbeiterschaft, welche sich zweifellos in eine offene Revolution bei einer etwaigen auswärtigen kriegerischen Verwickelung Rußlands verwandeln dürften. Mit der militärischen Schlagfertigkeit des französischen Bundesgenossen Rußlands aber sieht es im jetzigen Moment einigermaßen bedenklich aus, die bekannten Enthüllungen des Senators Humbert haben auf die Zustände im französischen Heere ein grelles Streiflicht geworfen, welch letztere Zweifel erwecken, ob es jetzt den Anforderungen eines großen Feldzuges gewachsen sein würde. Möglich darum, daß von Petersburg und Paris bei aller Sympathie für den serbischen Radaubruder schließlich geheime Winke nach Belgrad ergehen; ob sie von den Hitzköpfen in Belgrad befolgt werden, das steht freilich auf einem anderen Blatte. In Österreich-Ungarn wie in Serbien sind die Mobilisierungsmaßnahmen und andere militärische Vorbereitungen im vollen Gange. Österreich-Ungarn darf getrost von sich behaupten, daß es in seiner Haltung gerechtfertigt vor Europa dastehe.
Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldungen vom 25. Juli: 
Belgrad, 25. Juli. Ministerpräsident Baschitsch erschien 10 Minuten vor 6 Uhr abends in der hiesigen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und überreichte dem Freiherrn von Giesl die serbische Antwort auf die österreichisch-ungarische Note. Diese war nach den dem Gesandten gewordenen Instruktionen aus Wien als ungenügend zu betrachten. Baron Giesl notifizierte dem Ministerpräsidenten infolgedessen sofort den Abbruch der diplomatichen Beziehungen. Mit dem Gesandtschaftspersonal verließ Freiherr v. Giesl um 6 Uhr 30 Minuten die serbische Hauptstadt. 
Wien, 25. Juli. Das Ministerium des Auswärtigen hat heute Abend 6 Uhr 10 Minuten die versammelten Journalisten zu sich berufen und ihnen folgende Mitteilung gemacht: „Um 3 Uhr nachmittags wurde die serbische Armee mobilisiert. König Peter, der Königliche Hof, die Behörden, die Truppen haben Belgrad verlassen. Um 6 Uhr überreichte die serbische Regierung dem österreichischen Gesandten die Antwortnote. Da sie für nicht genügend befunden wurde, ist der österreichische Gesandte in Belgrad samt dem Personal abgereist. 
Wien, 25. Juli. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, hat der serbische Kriegsminister im Ministerrat erklärt, daß die Armee jene Bedingungen, die sich auf die Verhaftung und Bestrafung von Offizieren beziehen, in keinem Falle annehmen werde, und daß für die Krone die Gefahr bestehe, das sich die Armee gegen die Dynastie erheben werde. Der Kriegsminister hatte diese Erklärung auf Grund eines Memorandums abgegeben, das vom Belgrader Offizierkorps ihm gestern Abend übergeben worden war. Auch aus den Provinzgarnisonen wurden an den Kriegsminister telegraphische Proteste der Offiziere übermittelt. Der Ministerrat soll auch im Besitze von Petersburger Erklärungen gewesen sein, die den Beschluß der Regierung beeinflußt hätten. Schon gestern Nachmittag wurde die Mobilisierung der Donau und der Drinadivision angeordnet. Zum Kommandanten der Donau-Division wurde General Inkowitsch ernannt. Das Hauptquartier wurde nach Valjewo verlegt, wohin General Inkowitsch mit seinem Stabe bereits abgereist war. Die Leitung der Kriegsoperationen wird General Putnik übernehmen. König Peter wird morgen eine Proklamation an das Volk erlassen. Alle Reservisten wurden telegraphisch einberufen. 
Wien, 25. Juli. Österreich hat bereits eine teilweise Mobilisierung angeordnet. Von den bestehenden 16 österreichischen Korps wurden acht Korps mobilisiert. Darunter befinden sich die beiden böhmischen Korps, das Prager und das Leitmeritzer. Die Sicherung der Eisenbahnlinien durch Truppendetachements wurde heute Abend angeordnet. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Wachen und Posten demjenigen gegenüber, der auf den ersten Anruf nicht stehen bleibt, von der Waffe Gebrauch machen. 
Wien, 25. Juli. Um 8 Uhr abends hat der serbische Gesandte Jowanowitsch mittels Automobils Wien verlassen. Soviel man hört, hat er sich direkt nach Belgrad begeben. 
Belgrad, 25. Juli. Der deutsche Gesandte, Freiherr von Griesinger übernimmt den Schutz der österreichischen Staatsangehörigen.
Die Begeisterung in Österreich und Ungarn ist begreiflich sehr lebhaft. In Wien versammelten sich noch am Samstag  Abend die Massen zu einem imposanten Manifestationszuge, der, immer neuen Zuzug erhaltend, über die Ringstraße zum Deutschmeisterdenkmal zog. Patriotische Lieder wurden gesungen und Hochrufe auf den Kaiser, auf Kaiser Wilhelm und auf die Armee ausgebracht. Die Polizei ließ die Menge gewähren. Auch in allen übrigen Teilen der Stadt wurde die Nachricht mit größter Begeisterung aufgenommen. Überall, wo die Menge eines Offiziers oder eines Soldaten ansichtig wurde, umringte sie ihn und begrüßte ihn mit begeisterten Rufen: „Hoch der Krieg! Hoch die Armee!“  
Vor dem Gebäude der deutschen Botschaft im dritten Wiener Bezirk fanden heute Abend große Sympathiekundgebungen statt. Eine Menge von etwa 10.000 Personen sang vor dem Gebäude die „Wacht am Rhein“ und brachte Hochrufe auf Kaiser Wilhelm, unserem Verbündeten, aus. Die russische Botschaft, welche sich in unmittelbarer Nähe befindet, wurde von dem Publikum nicht belästigt. Noch immer ziehen unausgesetzt große Trupps von Menschen mit schwarzgelben Fahnen durch die Straßen der Stadt.  Aus vielen Provinzstädten werden große patriotische Kundgebungen für den Krieg gemeldet.
Deutsche Sympathiekundgebungen für Österreich sind allgemein. Das entschlossene Auftreten Österreichs ist in allen Großstädten Deutschlands mit Begeisterung aufgenommen worden. Besonders patriotische Kundgebungen werden aus München, Berlin, Hamburg, Breslau, Hannover, Homburg, Freiburg gemeldet. 
Die italienische Regierung hat der österreichisch-ungarischen Regierung eine Erklärung zukommen lassen, daß sie in einem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eine dem Bundesverhältnisse entsprechende Haltung einnehmen werde.
Die russische Auffassung der Lage ist noch unbestimmt: Petersburger Abendblätter schlagen einen äußerst beschloß im heutigen Staatsrat, anläßlich des Krieges zwischen Deutschland und England eine Neutralitätserklärung ab zu geben. Nachdem bereits im dänischen Teil des Landes die Minensperre erfolgte, wurde beschlossen, im Großen Belt und im dänischen Teil des Kleinen Belt Minen auszulegen, um zu vermeiden, daß sich die Kriegsoperationen auf die dänischen Gewässer ausdehnen, und um die Verbindung zwischen den dänischen Landesteilen aufrechtzuerhalten. Außerdem wurde beschlossen, den zweien Teil der Sicherungsstärke auf Fünen und Jütland, sowie den zweiten bis einschließlich achten Jahrgang der Mannschaft von Seeland, Laaland und Falster einzuberufen. Die Einberufung der Sicherungsstärke ist nicht gleichbedeutend mit Mobilisierung.


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Sonntag, 16. September 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 06.07.1914 - Die Beisetzung des Thronfolgers und Princips Geständnis


Die Beisetzung des Erzherzogpaares Franz Ferdinand. 

Groß-Pöchlarn, 4. Juli, Die Särge des Erzherzogs und der Herzogin wurden unter strömendem Regen aus dem Waggon gehoben und in dem Wartesaal aufgebahrt. Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Franz Ferdinand hielten die Ehrenwache. Nach neuerlicher Einsegnung wurden die Särge um 3 ½ Uhr morgens in den Galaleichenwagen gebracht. Der Trauerzug setzte sich durch ein dichtes Spalier der Bevölkerung, welche in stummer Ergriffenheit die Verblichenen begrüßte, zum Donauufer in Bewegung, wo er um 4 Uhr anlangte. Die Leichenwagen wurden auf eine Rollfähre geschoben, welche langsam über den Donaustrom setzte. Vom jenseitigen Ufer wurde der 3 ½ Kilometer lange Weg zum Schloß Artstetten fortgesetzt, wo der Trauerzug um 5 Uhr morgens anlangte. Die Särge wurden in der Schloßkirche aufgebahrt; Priester- und Nonnen hielten abwechselnd Betstunden. Um 8 und 9 ¾ Uhr trafen zwei Hofsonderzüge in Groß-Pöchlarn mit den Trauergästen ein, darunter Erzherzog Karl Franz Josef und Gemahlin, sowie die Kinder des verblichenen Paares. 
Artstetten, 4. Juli. Um 10 ¾ Uhr fand in der Schloß-Pfarrkirche in Gegenwart des Erzherzogs Karl Franz Joseph und der nächsten Verwandten der Verblichenen, zahlreicher Mitglieder des Kaiserhauses und sonstiger Trauergäste die feierliche Einsegnung der Leichen des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin statt. Dechant Dobner nahm unter großer geistlicher Assistenz die feierliche Handlung vor. An den Särgen hielten Offiziere die Ehrenwache. Um 11 ½ Uhr wurden die Särge durch ein Spalier von Feuerwehrleuten und Veteranen durch das Parktor zur Gruft getragen, wo in Gegenwart der nächsten Anverwandten die endgültige Beisetzung erfolgte.

Wien, 4. Juli. Heute Vormittag fand in der Hofburg-Pfarrkirche ein feierliches Seelenamt statt, welchem dem Kaiser, die Mitglieder des Kaiserhauses und die Würdenträger beiwohnten. 
Wien, 4. Juli. In der ganzen Monarchie fanden heute für den Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin feierliche Requiems statt. 
Wien, 4. Juli. Der Kaiser empfing die Kinder des verstorbenen Erzherzogs in Audienz, die 20 Minuten dauerte.

Princips Geständnisse.

Der Attentäter Princip erklärte, nach dem „Berl. Lok.- Anz“, in der Untersuchungshaft, daß er sich nach dem Attentat“ habe selbst entleiben wollen; wenn er gewußt hätte, daß er daran gehindert werde, würde er das Attentat nicht begangen haben. Er sei jedoch froh, daß das Attentat gelungen sei. Wären auch die Kinder des Thronfolgerpaares mitgewesen, hätte er sich nicht gescheut, auch sie zu erschießen. Princip antwortet sehr intelligent. Da sicher die Todesstrafe an ihm vollzogen wird, gibt sich in der Serajower Gesellschaft die Forderung kund, daß dies öffentlich geschehe. Bei der Verhaftung des Belgrader Gymnasiasten Trifko Grabe wurde festgestellt, dass er beim Rathause mit Revolver und Bombe ein Attentat auf den Thronfolger geplant habe. Nach dem Attentat bei der Lateinerbrücke durch Princip begab sich Grabez in die Wohnung seines Schwagers, des Schuhmachers Crnogorcevic, wo er Revolver und Bombe versteckte. Gestern wurde die Bombe und der geladene Revolver gefunden und der Polizei übergeben. Grabez ist 17 Jahre alt, Sohn eines serbischen Priesters aus Pale, einem Orte unweit Serajewo, und Schüler der siebenten Gymnasialklasse. Er verkehrte in der Gesellschaft der Attentäter und hat Bombe und Revolver in Belgrad vom Chef der Narodna Ciganovic erhalten. Der Schwager des Grabez, der Schuster Crnogorcevic, wurde schon Montag verhaftet, da er geäußert hatte, er habe von dem Attentat eher gewußt als alle in der Untersuchung Befindlichen. Er leugnet, das gesagt zu haben. Grabez ist auch ein Verwandter der serbischen oppositionellen Landtagsabgeordnete Gavro Gasic, der der Narodnagruppe angehört. Der bosnische Landtag wird nach dem Begräbnis des Thronfolgerpaares aufgelöst. Dann werden mehrere serbische oppositionelle Abgeordnete verhaftet. Einige sind durch die Untersuchung stark kompromittiert.
Wien, 5. Juli. Dem „Wiener Correspondenz-Bureau“ gehen aus Belgrad folgende weitere Meldungen zu: Dem „Mali-Journal“ zufolge, hat die serbische Polizei Nachforschungen nach dem Komitadschi Tschiganowitsch angestellt, gegen den der Verdacht laut wurde, daß er an dem Attentat gegen den Erzherzog beteiligt gewesen sei. Die serbische Polizei hat von Tschiganowitsch noch keine Spur gefunden, setzt die Nachforschungen aber fort.


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Mittwoch, 22. August 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 03.07.1914 - Die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien


Österreich-Ungarn und Serbien.

 Die kaum noch zu bezweifelnde Tatsache, daß die Ermordung des unglücklichen Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin als ein Ausfluß der seit Jahren betriebenen großserbischen Hetzereien gegen Oesterreich-Ungarn betrachtet werden muß, erscheint geeignet, kritische Rückwirkungen auf die offiziellen Beziehungen zwischen der habsburgischen Doppelmonarchie und Serbien zu äußern. Wohl haben sich König Peter und die serbische Regierung beeilt, dem vielgeprüften Kaiser Franz Josef und der österreichischen Regierung anläßlich der furchtbaren Mordtat von Serajewo zu kondolieren, auch an sonstigen amtlichen Belgrader Stellen hat man nicht mit Ausdrücken des Beileids aus dem genannten traurigen Anlasse zurückgehalten, aber diese Kundgebungen werden kaum den in den Wiener Regierungskreisen ebenso wie anderwärts vorherrschenden Eindruck wegwischen, daß das amtliche Serbien moralisch die Mitschuld an dem entsetzlichen Verbrechen in der Hauptstadt Bosniens trägt. Ist es doch erwiesen, das die großserbische Propaganda, welche von der Vereinigung der südslawischen Provinzen Österreich-Ungarns mit dem Königreich Serbien zu einem großserbischen Reiche träumt, in Belgrad ihren eigentlichen Ausgangspunkt und Rückhalt besitzt, daß in der serbischen Hauptstadt die Fäden der antiösterreichischen Agitation, welche immer rücksichtsloser auf jenes politische Ziel hinarbeitet, zusammenlaufen.
Von der serbischen Regierung ist indes bis jetzt so gut wie nichts geschehen, um in ihrem eigenen Lande dieser Agitation energisch entgegenzutreten, was schließlich eine gewisse, allerdings nur zu begreifliche, Verstimmung in den Wiener Regierungskreisen gegen Serbien hervorgerufen hat. Es wäre nicht weiter verwunderlich, wenn diese Verstimmung sich infolge der von Fanatikern serbisch-bosnischer Nationalität begangenen Untat in Serajewo noch verschärfen und das Verhältnis Österreich-Ungarns seinem serbischen Nachbarstaate ungünstig beeinflussen würde.

Anderseits steht freilich ebenso sehr zu befürchten, daß die jetzt mit Sicherheit zu erwartenden scharfen Maßnahmen der österreichisch-ungarischen Regierung gegen das nachgerade einen revolutionären Charakter annehmende Treiben der großserbischen Agitatoren und Verschwörer die Belgrader Regierungskreise mit Mißbehagen erfüllen werden. Auch die feindseligen Volksdemonstrationen, welche in einer ganzen Reihe von Orten Österreich-Ungarns gegen Serbien und die Serben anläßlich des Attentats von Serajewo stattgefunden haben, dürften in Belgrad verschnupfen, sodaß recht bald eine mißlichere Gestaltung des österreichisch-serbischen Gesamtverhältnisses eintreten kann. Freilich sind die Beziehungen zwischen Österreich-Ungarn und Serbien nicht erst seit heute und gestern einigermaßen heikele, sie hatten vielmehr schon seit der formellen Annexion Bosniens und der Herzegowina seitens Österreich-Ungarns einen mehr oder weniger offiziellen Charakter angenommen. Begehrte doch Serbien selber heimlich nach jenen ehemaligen türkischen Provinzen, welchem Begehren der Kaiserstaat einen Riegel vorschob. Damals fehlte nicht viel, daß deshalb ein Krieg zwischen den beiden Nachbarländern ausgebrochen wäre. Als sich nun die österreichische Politik dem lebhaften Wunsche Serbiens während der Balkankrisis, einen Hafen am Adriatischen Meere zu erwerben, ganz energisch widersetzte, so erfuhr hiermit die antiösterreichische Stimmung in Serbien gegen die habsburgische Monarchie nur noch eine Vertiefung, und bei vieler gegenseitigen Gereiztheit ist das Verhältnis zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eben bis heute ein mehr oder weniger gespanntes geblieben.


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Sonntag, 5. August 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 29.06.1914 - Das Attentat von Sarajewo


Nichtamtlicher Teil 

Erzherzog-Thronfolger Ferdinand von Österreich und Gemahlin ermordet.

Serajevo, 28. Juni. Als sich der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin die Herzogin Sophie von Hohenberg  heute Vormittag zum Empfang ins Rathaus begab, wurde gegen sein Automobil eine Bombe geschleudert, die der Erzherzog mit dem Arme zurück stieß. Die Bombe explodierte, nachdem das Erzherzogliche Automobil die Stelle passiert hatte. Die in dem nachfolgenden Automobil befindlichen beiden Herren des Gefolges wurden leicht verletzt. Vom Publikum wurden sechs Personen schwer und fünf leicht verletzt. Der Attentäter, der Typograph Cabrenovic aus Trebinje, wurde sofort festgenommen. Nach dem Empfang im Rathause setzte der Thronfolger mit seiner Gemahlin die Rundfahrt fort. Ein Gymnasiast der achten Klasse namens Princip aus Prahova feuerte aus einem Browning mehrere Schüsse auf den Thronfolger und dessen Gemahlin ab. Der Thronfolger wurde im Gesicht, die Herzog in den Unterleib getroffen. Beide wurden in den Konak übergeführt, wo sie ihren Verletzungen erlegen sind. Der Attentäter wurde verhaftet. Die erbitterte Menge lynchte nahezu beide Attentäter. Die Trauer in der Stadt ist allgemein. 
Wien, 28. Juni. Erzherzog Franz Ferdinand und die Herzogin Hohenberg waren von ihrem Aufenthalt in Bosnien sehr befriedigt, besonders gut gefiel ihnen der Kurort Ilidze. Überall, wo sie sich zeigten, waren sie der Gegenstand herzlicher Ovationen des Publikums, so auch gestern bei der Promenade, welche sie ohne jede Begleitung im Kurpark von Ilidze unternahmen. Von anderer Seite wird noch über das Attentat von Serajewo gemeldet: Heute Vormittag 10 Uhr traf das erzherzogliche Paar aus Ilidze in Sarajewo ein, wo ein großartiger Empfang vorbereitet wurde. Unweit dem Bahnhofe wurde die Bombe geworfen, von der der Thronfolger und seine Gemahlin noch verschont blieben, durch welche 11 Personen aus dem Publikum, davon 6 schwer und fünf leicht verletzt wurden. Die beiden Offiziere des Gefolges sollen gleichfalls schwer verletzt sein. Trotzdem fuhr das Erzherzogspaar nach dem Rathause weiter. Nach dem Verlassen des Rathauses sollen sie beabsichtigt haben, den Verletzten einen Besuch abzustatten. Am Hauptplatz von Sarajewo sprang plötzlich ein junger, gut gekleideter Mann aus dem Publikum hervor und gab auf das erzherzogliche Paar zwei Schüsse ab, von denen einer den Erzherzog-Thronfolger nahe der Schläfe und der andere die Herzogin von Hohenberg in den Unterleib traf. Das Automobil setzte die Fahrt nach dem Konak in beschleunigtem. Tempo fort. Hier waren sofort Ärzte zur Stelle, doch war jegliche Hilfeleistung unmöglich. Gleich nach dem Eintreffen in dem Konak verschieden der Erzherzog-Thronfolger und seine Gemahlin. 
Bad Ischl, 28. Juni. Die Nachricht von dem Ableben des Thronfolgers und der Herzogin Sophie von Hohenberg hat hier große Bestürzung hervorgerufen und tiefste Anteilnahme auch für Seine Majestät erweckt. Als dem Kaiser Franz Joseph, der gestern erst zum Sommeraufenthalt eingetroffen war, die Nachricht mitgeteilt wurde, weinte er und brach in die Worte aus: „Entsetzlich, entsetzlich! Auf dieser Welt ist mir nichts erspart geblieben.“ Der Kaiser zog sich hierauf in seine Appartements zurück. Sämtliche Veranstaltungen und Theatervorstellungen wurden sofort nach dem Bekanntwerden der Trauernachrichten abgesagt. Die Abreise des Kaisers nach Wien ist endgültig auf morgen, Montag, früh festgesetzt worden. 
Wien, 28. Juni. Die Nachricht von dem Attentat und dem Tode des Erzherzog Thronfolgers Franz Ferdinand und seiner Gemahlin, die in Wien um 4 Uhr bekannt wurde, wurde in der ganzen Stadt unter dem Ausdruck tiefster Teilnahme und Bestürzung lebhaft besprochen. Von den einzelnen Häusern wehen bereits schwarze Fahnen. Die Zeitungen verbreiteten die Nachricht durch Extrablätter. Auf dem Flugplatze traf die Nachricht um 1/4 4 Uhr ein und zwar in Form von unbestimmten Gerüchten. Sie wurde zuerst von niemand geglaubt. Die Flugkonkurrenzen wurden daher fortgesetzt. In der Hofloge wohnte Erzherzog Karl Albrecht den Vorführungen bei. Als ihm die offizielle Nachricht von dem Attentat zur Kenntnis gebracht wurde, verließ er sofort das Flugfeld. Die Flüge wurden sofort eingestellt.
Serajewo, 28. Juni. Der Attentäter Princip ist 19 Jahre alt. Er gab bei dem Verhör an, schon lange die Absicht gehabt zu haben, irgendeine hohe Person aus nationalistischen Motiven zu töten. Er habe einen Moment gezögert, da auch die Herzogin sich im Automobil befand, dann aber rasch gefeuert. Er leugnet, Komplizen zu haben. Der einundzwanzigjährige Typograph Cabrinovic zeigte bei dem Verhör ein zynisches Wesen. Auch er erklärte, keine Komplizen zu haben. Cabrinovic war nach dem Attentat in den Fluß gesprungen, wurde jedoch von den nachspringenden Wachtleuten und Personen aus dem Publikum verhaftet. Wenige Schritte von dem Schauplatz des zweiten Attentats wurde eine unwirksam gebliebene Bombe aufgefunden. Sie dürfte von einem dritten Attentäter weggeworfen worden sein, nachdem er gesehen hatte, daß der Anschlag gelungen war. Princip erklärte, er habe längere Zeit in Belgrad studiert. Cabrinovic erklärte, die Bombe von einem Anarchisten in Belgrad, dessen Namen er nicht kenne, erhalten zu haben.

Links und Literaturhinweise




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