Samstag, 17. Februar 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Die ersten Todesanzeigen

Geht man nach den Traueranzeigen im Bergsträßer Anzeigeblatt, so taucht die erste Traueranzeige, die den Tod eines Bensheimers beklagt bereits am 19. August auf, also schon 22 Tage nach Ausbruch des großen "Völkerringens".

Danach folgen schnell weitere Anzeigen, allerdings werden in diesen auch den im Bensheimer Lazarett verstorbenen Kameraden gedacht.

Die Anzeigen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht. Diese Unterschiede betreffen die Größe, die Ausführlichkeit der Texte und der darin enthaltenen persönlichen Informationen.

Franz Ohlemüller ~ 18.08.1914

Bergsträßer Anzeigeblatt
Am 19. August 1914 heißt es im Bergsträßer Anzeigeblatt:
"Todes-Anzeige. Der liebe Gott hat es gewollt, daß unser innigstgeliebter Sohn, unser unvergeßlicher Bruder, Schwager und Onkel Franz Ohlemüller im Dienste des Vaterlandes im Alter von 22 Jahren sein Leben lassen mußte. Um stille Teilnahme bitten: Die trauernden Hinterbliebenen. Bensheim, den 18. August 1914. (4173)"
Auffallend ist hierbei, dass im Vergleich zu den vielen anderen darauffolgenden Todesanzeigen im Bergsträßer Anzeigeblatt das Eiserne Kreuz fehlt und dafür das in den regulären Todesanzeigen verwendete Kreuz zu finden ist.


Verlustlisten
Bei der Suche nach Opfern aus Bensheim, ergeben die Verlustlisten für "Franz Ohlemüller" keinerlei Einträge.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name "Franz Ohlemüller" nur auf dem Denkmal und somit ohne genauere Angaben zum Geburts- und Todestag finden.


Wilhelm Franz Niestattkötter 30.08.1914


Da Wilhelm Franz Niestattkötter (15.04.1886 - 30.08.1914) weder gebürtiger Bensheimer war, noch in Bensheim wohnte, fühlte sich der Kriegerverein Bensheim dazu verpflichtet den im Bensheimer Lazarett verstorbenen, aus Westfalen stammenden Kameraden würdig beizusetzen. Dass es dabei zu einem Schreibfehler kommt, ist vermutlich der besonderen Situation (fehlende Angehörige und schnelle Beisetzung) geschuldet.

Bergsträßer Anzeigeblatt
Insbesondere die ausführliche Beschreibung des Ehrengeleits - wohl das erste Geleit für den Bensheimer Kriegerverein in diesem Krieg - macht diese Traueranzeige besonders, zudem verwendet der Kriegerverein das Eiserne Kreuz von 1870. In der Anzeige heißt es:
"Kriegerverein Bensheim. Der Kamerad Landwehrmann Wilhelm Franz Niestattketter, Bergmann aus Waltrop in Westfalen, gedient in der 2. Komp. des 5. bayr. Jägerbataillons ist im hiesigen Lazarett (Hospital) seinen Wunden erlegen. Er starb den Heldentod fürs Vaterland. 
Die Beerdigung findet Dienstag, den 1. September d. Js., vormittags 11 Uhr vom Hospital aus statt. Um den verstorbenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, laden wir die Mitglieder des Kriegervereins Bensheim zu recht zahlreicher Beteiligung bei der Beerdigung ein. 
Zusammenkunft im Hospitalhof 10 3/4 Uhr. Schwarzer Anzug und Hut, Hassiabazeichen, Orden und Ehrenzeichen. Bensheim, den 31. August 1914. 
Der Vorstand des Kriegervereins Bensheim. (4296)"


Verlustlisten
In den digital verfügbaren Verlustlisten taucht der Name - auch in beiden Schreibweisen - nicht auf.


Bensheimer Friedhof
Wilhelm Franz Niestattkötter wurde auf dem Bensheimer Ehrenfriedhof beigesetzt und er hat einen eigenen Grabstein (Grabstein No. 52). Die Inschrift auf dem Hügelgrabstein zeigt den Vornamen in umgekehrter Reihenfolge, also anstelle von Wilhelm Franz, Franz Wilhelm.


Ferdinand Cellarius 06.09.1914

Nur durch die präzisen Angaben in der Traueranzeige ist es möglich, die genauen Geburts- und Todesdaten zu entnehmen, allerdings nennen die Hinterbliebenen nur seinen Kosenamen, denn Ferdy hieß offiziell Ferdinand (25.07.1892 - 06.09.1914)

Bergsträßer Anzeigeblatt
Dem Dienstgrad entsprechend fällt diese Traueranzeige - veröffentlicht am 21. September 1914 - sowohl größer, als auch würdevoller aus. Die Anzeige wird gekrönt vom Eisernen Kreuz 1914 (vgl. Anzeige Niestattkötter).

"Am 6. September starb den Heldentod für Kaiser und Vaterland in treuer Pflichterfüllung mein einziger geliebter Sohn, mein treuer Bruder, unser lieber Enkel und Neffe, Ferdy Cellarius, Leutnant im Inf. Regt. 98 Metz.
Er vollendete am 25. Juli sein 22. Lebensjahr. In tiefem Schmerz: Anna Cellarius, geb. Rosmann, Maria Cellarius.
Bensheim, den 20. September 1914. Wir bitten herzlich von Beileidsbesuchen abzusehen. (4583)"



Verlustlisten
In der Deutschen Verlustliste vom 01.11.1914, Ausgabe 165, Preußen 66, Seite 2141 heißt es im Abschnitt Infanterie-Regiment 98, Metz, 8. Kompagnie: "Lt. Ferdinand Celarius, verm. Cellarius, Alsfeld, gefallen".

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Johann Ohlemüller ~ 07.09.1914
Auch wenn eine Todesanzeige vorliegt, so sind die Angaben - auch unter Berücksichtigung der anderen Quellen - eher dürftig. So lässt sich der Todeszeitpunkt nur anhand Anzeige grob abschätzen, das tragische Ereignis dürfte sich etwas länger vor Erscheinen der Anzeige sich zugetragen haben.

Bergsträßer Anzeigeblatt
In einer sehr kleinen Anzeige, das Kreuz weist keine Details auf, heißt es:
"Todes-Anzeige. Unser innigstgeliebter Gatte, Vater, Sohn, Bruder, Schwiegersohn, Onkel und Pate Johann Ohlemüller III. starb den Tod fürs Vaterland bei der 11. Kompagnie des Infanterie-Regiments Nr. 118 im Alter von 27 Jahren. Dies zeigen tiefbetrübt an mit der Bitte un stille Teilnahme Die trauernden Hinterbliebenen. Bensheim, 7. September 1914. (4359)"

Verlustlisten
In den digitalen Verlustlisten lassen sich keine Einträge finden, die sich auf Johann Ohlemüller beziehen.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Simon Eichheimer ~ 08.09.1914
Vielleicht aufgrund des Zusatzes am Ende der Traueranzeige die bewegendste Anzeige, denn neben der Witwe trauern 4 Kinder um den 30-jährigen Vater.

Bergsträßer Anzeigeblatt
"Todes Anzeige. Im Dienste des Vaterlandes starb den Heldentod im Lazarett in Monzon (Frankreich) an den Folgen der erhaltenen Verletzungen im Gefecht bei Monzon der Wehrmann vom 118ten Infanterie-Regiment, 
Simon Eichheimer wohlversehen durch die Tröstungen der hl. Kirche im 30. Lebensjahre. Wir verlieren in dem Dahingeschiedenen unseren treubesorgten Gatten und Vater, Bruder, Schwager und Onkel.
Im Namen der trauernden Hinterbliebenen: Frau Marie Eichheimer und 4 Kinder.
Bensheim, den 8. Sept. 1914. Das Seelenamt findet am Freitag Vormittag 6 Uhr in der Pfarrkirche statt. (4382)"



Verlustlisten 
Simon Eichheimers Name lässt sich gleich zweimal in den Verlustlisten finden:

  • Am 14.10.1914 gibt die Deutsche Verlustliste (Preußen No. 103), Seite 1257 bekannt: "Wehrmann Eichheimer, Simon - Bensheim - leicht verwundet."
  • Am 13.03.1916 heißt es in der Deutschen Verlustliste (Preußen No. 478), Ausgabe 905, Seite 11597: "Reserve-Infanterie-Regiment 118, Berichtigung früherer Angaben: Eichheimer, Simon (2. Komp.) - Bensheim - bisher verw., †."

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof lässt sich der Name nur auf dem Denkmal finden.


Heinrich Bub 12.03.1887 - 13.09.1914
Im Falle Heinrich Bubs liegen sogar zwei Traueranzeigen vor, allerdings keine, die von den Angehörigen initiiert wurde. Vielmehr sind es der Arbeitgeber und die Kollegen, die Bubs gedenken. Bei der Recherche stellte sich ein weiteres Mal heraus, dass die Verlustlisten mehr als unzureichend sind, wenn es darum geht, die Details zum Tode oder zu den Personendaten zu erfassen. Das in der vom Firmenchef gestellten Anzeige genannte Todesdatum ist allerdings falsch.

Bergsträßer Anzeigeblatt

Anzeige No. 1:
"Am 16. ds. Mts. starb im Lazarett zu Coblenz an den Folgen einer im Kampfe für das Vaterland erlittenen schweren Verwundung mein treuer Arbeiter Heinrich Bub, Reservist im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 118. In treuester Pflichterfüllung für Kaiser und Reich hat er sein Leben hingegeben. Ehre seinem Andenken. W. Euler. Bensheim, den 17. September 1914. (4491)"

Anzeige No. 2:
"Nachruf. Den Heldentod für das Vaterland starb unser lieber Mitarbeiter Heinrich Bub Reservist im Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 118. Wir verlieren in ihm einen aufrichtigen Freund und treuen Arbeitskollegen, dessen Andenken wir in hohen Ehren halten werden. Das Personal der Firma W. Euler. Bensheim, den 17. September 1914 (4490)." 


Verlustlisten
In der Deutschen Verlustliste No. 103 vom 14.10.1914, Preußen 50, Seite 1257 heißt es: "Wehrmann Heinrich Bub - Bensheim - leicht verwundet."

Wie die Anzeigen vermelden und der Tod belegt, müssen die Verwundungen schwer gewesen sein und nicht wie in der Verlustliste vermeldet, leicht.

Bensheimer Friedhof
Auf dem Bensheimer Friedhof wird Heinrich Bub sowohl auf dem Denkmal, als auch auf dem Friedhof in Form eines Grabsteines (Nr. 23) gedacht.


Clemens Helbing 19.02.1881 - 17.09.1914
Auch wenn die Traueranzeige von Clemens Helbig spricht, so scheint der Name Helbing richtig zu sein. Denn dieser taucht sowohl so in den Verlustlisten als auch auf dem Bensheimer Friedhof so auf. Somit wären die beiden verfügbaren Traueranzeigen, die vom Kriegerverein initiiert worden sind, beide falsch.

Bergsträßer Anzeigeblatt
Wieder bemüht sich der Kriegerverein um eine ausführliche Traueranzeige, die hauptsächlich ein Aufruf an die Mitglieder ist, den Verstorbenen doch gebührend auf seinem letzten Weg zu begleiten.

Es heißt:
"Krieger-Verein Bensheim. Der Kamerad, Landwehrmann Clemens Helbi[n]g, Metzgermeister aus Schmottseifen (Schlesien), gedient im 5. Res.-Jäger_Bat. Nr. 5 in Hirschberg ist im hiesigen Lazarett (Hospital) seinen Wunden erlegen. Er starb den Heldentod fürs Vaterland.
Die Beerdigung findet Samstag, den 19. September 1914, vormittags 11 Uhr vom Hospital aus statt.
Um dem verstorbenen Kameraden die letzte Ehre zu erweisen, laden wir die Mitglieder des Kriegervereins Bensheim zu recht zahlreicher Beteiligung bei der Beerdigung ein. Auch die Mitglieder des hiesigen Veteranen- und Soldatenvereins sind zu dieser letzten Ehrung kameradschaftlichst eingeladen. 
Zusammenkunft im Hospital 10 3/4 Uhr. Schwarzer Anzug und Hut. Hassiaabzeichen, Orden und Ehrenzeichen.
Bensheim, den 18. September 1914. Der Vorstand des Krieger-Vereins Bensheim. (4511)."

Verlustlisten
In den Verlustlisten taucht Clemens Helbing zweimal auf:
  • Am 27.09.1914 nennt die Deutsche Verlustliste No. 55, Preußen No. 36, Seite 574: "Jäger Clemens Helbing - Schmothseifen, Kreis Löwenberg - leicht verwundet."
  • Am 20.10.1914 heißt es in der Deutschen Verlustliste No. 125, Preußen No. 55, Seite 1553: "Jäger Clemens Helbing - Schmothseifen, Löwenberg - bisher verwundet, ist tot.
Bensheimer Friedhof 
Auf dem Grabstein Nr. 100 findet sich sein Name nebst Geburts- und Todesdatum: 19.02.1881 - 17.09.1914.


Bensheim-Auerbach
Da auf dieser Seite auch das Ehrenmal in Auerbach behandelt wurde, sollen die ersten Gefallenen aus Auerbach nicht verschwiegen werden.
Die ersten Toten hatte Auerbach ebenfalls schon im August 1914 zu beklagen, nämlich:

  • Unteroffizier Richard Alexander Wagner. Er fiel am 22.08.1914 in Belgien.
  • Musketier Georg Merkel. Er fiel am 22.08.1914 in Belgien.
  • Unteroffizier Karl Schlosser. Er fiel am 22.08.1914 in Frankreich.



Links und Literaturhinweise

Die Deutschen Verlustlisten - Suche über genealogy.net


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.


Freitag, 9. Februar 2018

Militäreisenbahnanwärter Philipp Seeger schreibt seinem Bruder Jakob Seeger

Philipp und Jakob Seeger dienten beide bei einem Eisenbahnregiment. Während Jakob Seeger im Osten eingesetzt wird, ist sein Bruder in Belgien als Militäreisenbahnanwärter im Einsatz. 

Stolz zeigt er sich auch dem Feldpostkartenmotiv mit seinen Kameraden, im Hintergrund erkennt man Eisenbahnanlagen.
"Feldpostkarte, Absender: Philipp Seeger; Adressat: Familie Jakob Seeger, Auerbach an der Bergstraße, Hessen Darmstadt, Rodauerstraße; Text: Hal [Anm.: Halle in Belgien, französisch Hal] 16.10.1914; Liebe Schwägerin. Ich bin jetzt vierzehn Tage hier. Es gefällt mir sehr gut. Habe Jakob geschrieben. Hoffentlich geht es Euch noch gut was bei mir auch der Fall ist. Die besten Grüße aus der Ferne sendet Philipp; Aufschrift Vorderseite: Abs. Militäreisenbahnanwärter Seeger in Hal bei Brüssel"
BIAB_HBS_0021.jpg; Bild zur Verfügung gestellt von Hans Bernhard Schober; Feldpostkarte, Absender: Philipp Seeger; Adressat: Familie Jakob Seeger, Auerbach an der Bergstraße, Hessen Darmstadt, Rodauerstraße; Text: Hal [Anm.: Halle in Belgien, französisch Hal] 16.10.1914; Liebe Schwägerin. Ich bin jetzt vierzehn Tage hier. Es gefällt mir sehr gut. Habe Jakob geschrieben. Hoffentlich geht es Euch noch gut was bei mir auch der Fall ist. Die besten Grüße aus der Ferne sendet Philipp; Aufschrift Vorderseite: Abs. Militäreisenbahnanwärter Seeger in Hal bei Brüssel; zusammengestellt und transkribiert: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017.



© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2017, Alle Rechte vorbehalten.


Samstag, 20. Januar 2018

Georg Seeger - Von der Auerbacher Kapelle zur Regiments-Musik

Die Familie Seeger aus Auerbach ist ja bereits aus den Beiträgen über Jakob Seeger bekannt. Georg Seeger schreibt heute eine Feldpostkarte aus - vermutlich Wetzlar - an seinen Bruder Jakob Seeger.

Georg Seeger - beim Musikkorps des Reserve Infantrieregiments 81 - schreibt:
"geschrieben, den 12.09.1916; Lieber Bruder! Deine Karte erhalten. Besten Dank. Wie ich darüber erfahre, geht es noch dir gut, was auch bei mir der Fall ist. Ich hoffe auch bald wieder einmal auf Urlaub kommen zu können. Herzliche Grüße sendet Dein Bruder Georg. Abs: Wehrm. Gg. Seeger 6. Komp R. I. R. 81, Reg. Musik"


Vermutlich fand Jakob Seeger zu der Einheit aufgrund seiner musikalischen Fähigkeiten, denn die Mitglieder der Familie Seeger waren in Auerbach als Kapelle ebenfalls bekannt. Hierzu lässt sich bei LAGIS folgender Eintrag finden:

Die Kapelle Seeger spielt in Bensheim zur Musterung, 1907-1908

Quelle: „Die Kapelle Seeger spielt in Bensheim zur Musterung, 1907-1908“, in: Historische Bilddokumente <http://www.lagis-hessen.de/de/subjects/idrec/sn/bd/id/198-114> (Stand: 20.4.2011)

Samstag, 13. Januar 2018

Fotoalbum eines Bensheimer Soldaten Teil V - Jakob Seegers photographische Erinnerungen an seine Kriegszeit in der Ukraine

Heute Bilder, die den eigentlichen Alltag Jakob Seegers als Soldaten des Eisenbahnregiments 3 aus Hanau zeigen. Bau und Instandhaltung der Infrastruktur.

Das dritte der hier gezeigten Bilder zeigt den Bahnhof von Stryj, die beiden ersten Bilder dürften im Raum Stryj aufgenommen worden sein.





Samstag, 6. Januar 2018

Samstag, 30. Dezember 2017

Fotoalbum eines Bensheimer Soldaten Teil III - Jakob Seegers photographische Erinnerungen an seine Kriegszeit in der Ukraine

Jakob Seegers Fotoalbum weist nun immer öfter Bilder auf, die sich auf seinen Einsatzraum in Stryj beschränken. Ruinen und Alltag, Zivilpersonen und Kameraden.

Ob alle Bilder in ihrer Anordnung in den zwei Fotoalben auch der chronologischen Reihenfolge der Geschehnisse entsprechen, ist nicht ganz klar, nicht zuletzt aufgrund der fehlenden Beschriftung der Alben.

Die zwei ersten Bilder des zweiten Albums allerdings sind kleine Leckerbissen und lassen sich relativ gut datieren. Es handelt sich um zwei bereits verladene Beutepanzer der russischen Armee. Sie sind vom Typ Jeffery-Poplavko, die im Raum Tarnopol im Sommer 1917 erbeutet wurden. Ihr Weg gen Westen führte sie wohl auch über Stryj, wie Jakob Seegers Bilder zeigen.

Im Hintergrund des ersten Bildes erkennt man das durch einen Treffer im Heck beschädigte Fahrzeug des zweiten Bildes. Zudem lassen sich die Eisenbahnanlagen des Bahnhofs Stryj inklusive einer Lok erkennen.


Das zweite Bild zeigt nun das getroffene Beutefahrzeug im Detail, auch hier sind im Hintergrund wieder die Eisenbahnanlagen des Bahnhofs Stryj zu erkennen, dem Einsatzort Jakob Seegers.


Trotz voranschreitender Technik bilden Pferde bis in den Zweiten Weltkrieg hinein das Rückgrat der Armeen in Bezug auf Transport und Logistik. So auch bei den österreichischen Truppen, wie hier bei einer Feldbahn zu sehen, die von Pferden gezogen Munitionskisten und Verbrauchsgüter zu den kämpfenden Einheiten brachten.


Dass die Spezialisten der Eisenbahnregimenter nicht nur Dienst schoben, zeigen viele der erhaltenen Bilder. Immer wieder fotografiert Jakob Seeger Alltagsszenen in Galizien. Die Märkte sowie das Leben der Menschen scheinen es ihm besonders angetan zu haben.




Ein Bauerndorf im Raum Stryj. 



Samstag, 23. Dezember 2017

Bescherabend 1915 - Kriegsfreiwilliger Joseph Stoll schreibt seiner Mutter zu Weihnachten

Joseph Stoll (1879-1956) meldete sich im Jahre 1915 als Kriegsfreiwilliger. Auch wenn der Begriff "Kriegsfreiwilliger" einen vorauseilenden Gehorsam suggeriert, so hat dieser Schritt einen erheblichen Vorteil gegenüber dem normalen Verlauf einer Rekrutierung. Es bestand die Möglichkeit Einfluss auf den Truppenteil zu nehmen, bei dem man zu dienen hatte [1]. In Kombination mit seinem Alter und seinem Hochschulstudium ergab sich so die Möglichkeit bei der Festung Namur eingesetzt zu werden.

Zu Weihnachten 1915 schreibt Joseph Stoll an seine Mutter in Bensheim:
"Feldpostkarte, gelaufen: 25.12.1915, Absender: Joseph Stoll, Kaiserliche Fortifikation Namur, Adressat: Frau Prof. Dr. Stoll, Bensheim adB, (Hessen), Text: Liebe Mama! Seit etwa 3 Tagen bin ich bei der Kaiserlichen Fortifikation. Ich habe daselbst die Pläne für die Befestigungen zu bearbeiten. Es ist sehr interessant und noch schöner als am Gouvernementsgericht. Da ich Zeichner von Beruf bin, hat der Major vom Gouvernement gesagt, könnte ich an der Fortifikation meine Kenntnisse besser anwenden, als am Gericht. Ich sitze mit einem Leutnant zusammen auf dem Büro. Es ist sehr schön und der Leutnant ist ein sehr liebenswürdiger Herr, auch ein studierter Mann. Ich wohne auf der Hauptstraße von Namur bei einem Kaufmann, der gut Deutsch spricht und sehr nett zu mir ist. Du siehst es geht alles sehr gut. Gestern abend am Bescherabend (Fortsetzung nächste Karte)"
"Feldpostkarte, gelaufen: 25.12.1915; Absender: Joseph Stoll, Kaiserliche Fortifikation Namur, Belgien; Adressat: Frau Prof. Dr. Stoll, Bensheim adB, (Hessen); Text: (Fortsezung) am Bescherabend war eine große Feier bei der ich auch zugegen war. Deine beiden Briefe habe ich erhalten und daraus ersehen, daß es Dir noch gut geht. Schreibe mir noch einmal ausführlich, ob du die kleinen Pakete erhalten hast und ob das große schon angekommen ist mit meiner überflüssigen und schmutzigen Wäsche. Reiling ist Gefreiter geworden. Er war 2 Monate früher Soldat als ich und ich hoffe, es in 2 Monaten auch zu sein! Es ist zwar egal, aber wenn man es werden kann, nimmt man es auch mit. Sonst weiß ich nichts zu berichten. Ich hoffe vielleicht im Januar oder Februar Urlaub zu bekommen. Dann kann ich Dir auch mehr mitteilen. Herzliche Grüße an alle besonder an Fräulein. Dein Joseph" 

BIAB_NLJS_CV_0476; Nachlass Joseph Stoll, Bensheim; Postkarte, Feldpost, gelaufen: 25.12.1915; Absender: Joseph Stoll, Kaiserliche Fortifikation Namur; Adressat: Frau Prof. Dr. Stoll, Bensheim adB, (Hessen); Text: Liebe Mama! Seit etwa 3 Tagen bin ich bei der Kaiserlichen Fortifikation. Ich habe daselbst die Pläne für die Befestigungen zu bearbeiten. Es ist sehr interessant und noch schöner als am Gouvernementsgericht. Da ich Zeichner von Beruf bin, hat der Major vom Gouvernement gesagt, könnte ich an der Fortifikation meine Kenntnisse besser anwenden, als am Gericht. Ich sitze mit einem Leutnant zusammen auf dem Büro. Es ist sehr schön und der Leutnant ist ein sehr liebenswürdiger Herr, auch ein studierter Mann. Ich wohne auf der Hauptstraße von Namur bei einem Kaufmann, der gut Deutsch spricht und sehr nett zu mir ist. Du siehst es geht alles sehr gut. Gestern abend am Bescherabend (Fortsetzung nächste Karte)[Anm.: siehe BIAB_NLJS_CV_0473]; digitalisiert und zusammengestellt: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.

BIAB_NLJS_CV_0473; Nachlass Joseph Stoll, Bensheim; Feldpostkarte, gelaufen: 25.12.1915; Absender: Joseph Stoll, Kaiserliche Fortifikation Namur, Belgien; Adressat: Frau Prof. Dr. Stoll, Bensheim adB, (Hessen); Text: (Fortsezung, Anm.: siehe BIAB_NLJS_CV_0476) am Bescherabend war eine große Feier bei der ich auch zugegen war. Deine beiden Briefe habe ich erhalten und daraus ersehen, daß es Dir noch gut geht. Schreibe mir noch einmal ausführlich, ob du die kleinen Pakete erhalten hast und ob das große schon angekommen ist mit meiner überflüssigen und schmutzigen Wäsche. Reiling ist Gefreiter geworden. Er war 2 Monate früher Soldat als ich und ich hoffe, es in 2 Monaten auch zu sein! Es ist zwar egal, aber wenn man es werden kann, nimmt man es auch mit. Sonst weiß ich nichts zu berichten. Ich hoffe vielleicht im Januar oder Februar Urlaub zu bekommen. Dann kann ich Dir auch mehr mitteilen. Herzliche Grüße an alle besonder an Fräulein. Dein Joseph; digitalisiert und zusammengestellt: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.

"...der Leutnant ist ein sehr liebenswürdiger Herr..." - Leutnant Diederici 


Wie in seiner Weihnachtskarte erwähnt, arbeitete Stoll in einer Schreibstube der Festungskommandantur. Sein Vorgesetzter, Leutnant Diederici, schenkte ihm zur Erinnerung an die Zeit in Namur ein Bild, welches ihn "hoch zu Ross" zeigt. Was aus dem Leutnant wurde, ist unbekannt. Es existieren keine weiteren Dokumente.


Dienststelle Joseph Stolls 1915-1918 - Palais provincial de Namur, Belgien



"Ich wohne auf der Hauptstraße von Namur bei einem Kaufmann, der gut Deutsch spricht und sehr nett zu mir ist." - Familie Jamouton aus Namur


Wie in der Postkarte erwähnt, war Joseph Stoll bei der Familie Jamouton - einem Kaufmann - untergebracht. Angehörige der Familie wohnen bis heute noch in Namur. 

NLJS_CV_0596; Nachlass Joseph Stoll, Bensheim; Aufschrift Bildrückseite: Familie Jaumouton bei der ich [Anm.: Joseph Stoll] in Namur [...] 3 1/2 Jahre wohnte; digitalisiert und zusammengestellt: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.

Anhand der Karte lässt sich der genaue Wohnort nur grob festlegen. Zum einen ist die Kennzeichnungen nur grob, die Adresse zudem unbekannt, zum anderen liegt dieser Bereich in einer Biegung und die Häuserfront ist kaum einsehbar. Die Wohnung lag somit am Ende der Rue de Marchovelette, Ecke Rue des Echasseurs und Rue de l'Ange.

NLJS_CV_0520; Nachlass Joseph Stoll, Bensheim; Postkarte, Feldpost, gelaufen: keine Angaben; Absender: Joseph Stoll, Kaiserliche Fortifikation, Namur; Postkartenmotiv handschriftlich ergänzt: "in diesem Haus wohne ich"; Wohnort von Joseph Stoll während seiner Dienstzeit (1915-1918) in Namur; digitalisiert und zusammengestellt: Frank-Egon Stoll-Berberich 2017 ©.

Lage der Wohnung der Familie Jamouton



Video - Veränderung der Innenstadt Namurs durch Kriegseinwirkungen


Bei der Suche nach dem genauen Wohnort und der Zuordnung von historischen Bildern und Dokumenten half auch dieses Video, welches die Innenstadt - hier der Place d' Armes - in seiner ursprünglichen Form sowie der Phase der Zerstörung und des Wiederaufbaus zeigt.



Links und Literaturhinweise

[1] vergleiche Beitrag bei wikipedia "Deutsches Heer (Deutsches Kaiserreich) https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Heer_(Deutsches_Kaiserreich) (zuletzt besucht am 24.07.2017)
Weitere Bilder und Dokumente aus der Dienstzeit von Joseph Stoll finden Sie unter www.joseph-stoll.de


© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2017, Alle Rechte vorbehalten.