Montag, 5. November 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 01.08.1914 - Kriegszustand erklärt

Amtlicher Teil.

An die Bevölkerung des Bezirks des XVIII. Armeekorps.

Seine Majestät der Kaiser hat das Reichsgebiet in Kriegszustand erklärt. Für diese Maßregel sind lediglich Gründe der raschen und gleichmäßigen Durchführung der erforderlichen militärischen Vorkehrungen maßgebend und nicht etwa die Besorgnis, daß die Bevölkerung die vaterländische Haltung werde vermissen lassen. Die Schnelligkeit und Sicherheit unseres Aufmarsches erfordert einheitliche und zielbewußte Leitung der gesamten vollziehenden Gewalt. Wenn durch die Erklärung des Kriegszustandes die Gesetze verschärft werden, so wird dadurch niemand, der das Gesetz beachtet und den Anordnungen der Behörden Folge leistet, in seinem Tun und Wirken beschränkt. Ich vertraue, daß die gesamte Bevölkerung alle Militär- und Zivilbehörden freudig und rückhaltslos unterstützen und uns damit die Erfüllung unserer hohen vaterländischen Pflichten erleichtern wird. Dann wird auch der alte Waffenruhm des Heeres aufrechterhalten und es vor den Augen unseres Kaisers und den Blicken der Nation in Ehren bestehen.

Der kommandierende General:


Erklärung. 
Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers wird für der Bezirk des XVIII. Armeekorps hierdurch der

Kriegszustand

erklärt.

Die vollziehende Gewalt geht damit an mich, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz an den Gouverneur bezw. Kommandanten der Festung über.

Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden verbleiben in ihren Funktionen. Sie haben aber meinen Anordnungen und Aufträgen, im Befehlsbereich der Festungen Mainz und Coblenz denen des Gouverneurs bezw. Kommandanten der Festung Folge zu leisten.

Der kommandierende General.

Artikel 68 der Reichsverfassung. 
Der Kaiser kann, wenn die öffentliche Sicherheit in dem Bundesgebiete bedroht ist, einen jeden Teil desselben in Kriegszustand erklären. Bis zum Erlaß eines die Voraussetzungen, die Form der Verkündigung und die Wirkungen einer solchen Erklärung regelnden Reichsgesetzes (ist noch nicht erfolgt) gelten dafür die Vorschriften des preußischen Gesetzes vom 4. Juni 1851 (Gesetz-Samml. für 1851 S. 451 ff.)
Preußisches Gesetz vom 4. Juni 1851
§ 1.
Für den Fall eines Krieges ist in den, von dem Feinde bedrohten oder teilweise schon besetzten Provinzen jeder Festungskommandant befugt, die ihm anvertraute Festung mit ihrem Rajonbezirke, der kommandierende General aber den Bezirk des Armeekorps oder einzelne Teile desselben zum Zwecke der Verteidigung in Belagerungszustand zu erklären.

§ 4.
Mit der Bekanntmachung der Erklärung des Belagerungszustandes geht die vollziehende Gewalt an die Militärbefehlshaber über. Die Zivilverwaltungs- und Gemeindebehörden haben den Anordnungen und Aufträgen der Militärbefehlshaber Folge zu leisten.
Für ihre Anordnungen sind die betreffenden Militärbefehlshaber persönlich verantwortlich.

§ 8.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte der vorsätzlichen Brandstiftung, der vorsätzlichen Verursachung einer Überschwemmung, oder des Angriffs, oder des Widerstandes gegen die bewaffnete Macht, oder Abgeordnete der Zivil- oder Militärbehörde in offener Gewalt und mit Waffen, oder gefährlichen Werkzeugen versehen sich schuldig macht, wird mit dem Tode bestraft.
Sind mildernde Umstände vorhanden, so kann, statt der Todesstrafe auf zehn- bis zwanzigjährige Zuchthausstrafe erkannt werden.

§ 9.
Wer in einem in Belagerungszustand erklärten Orte oder Distrikte 

a) in Beziehung auf die Zahl, die Marschrichtung oder angeblichen Siege der Feinde oder Aufrührer wissentlich falsche Gerüchte ausstreut oder verbreitet, welche geeignet sind, die Zivil- oder Militärbehörden hinsichtlich ihrer Maßregeln irre zu führen, oder 

b) ein bei Erklärung des Belagerungszustandes oder während desselben vom Militärbefehlshaber im Interesse der öffentlicher Sicherheit erlassenes Verbot übertritt, oder zu solcher Übertretung auffordert oder anreizt, oder

c) zu dem Verbrechen des Aufruhrs, der tätlichen Widersetzlichkeit, der Befreiung eines Gefangenen, oder zu andern § 8 vorgesehenen Verbrechen, wenn auch ohne Erfolg, auffordert oder anreizt, oder

d) Personen des Soldatenstandes zu Verbrechen gegen die Subordination oder Bergehrung gegen die militärische Zucht und Ordnung zu verleiten sucht, soll, wenn die bestehenden Gesetze keine höhere Freiheitsstrafe bestimmen, mit Gefängnis bis zu einem Jahre bestraft werden.

Einführungs-Gesetz zum Reichs-Strafgesetzbuch.
§ 4. 
Bis zum Erlasse der in den Artikeln 61 und 68 der Verfassung des Norddeutschen Bundes vorbehaltenen Bundesgesetze die in den §§ 81, 88, 90, 307, 311, 312, 315, 322, 323 und 324 des Strafgesetzbuchs für den Norddeutschen Bund mit lebenslänglichem Zuchthaus bedrohten Verbrechen mit dem Tode zu bestrafen, wenn sie in einem Teile des Bundesgebietes, welchen der Bundesfeldherr in Kriegszustand (Art. 68 der Verfassung) erklärt hat, oder während eines gegen der Norddeutschen Bund ausgebrochenen Krieges auf dem Kriegsschauplatze begangen werden.

Bekanntmachung 
Hiermit verbiete ich jede Veröffentlichung oder Mitteilung militärischer Ungelegenheiten. Übertretungen dieses Verbots werden streng bestraft. Frankfurt a. M., am 31. Juli 1914.
Der kommandierende General.




Link

Faksimile "Verhängung des Kriegszustandes durch Wilhelm II, 31 Juli 1914 [Reichsgesetzblatt 1914, 263]" auf Historisches Lexikon Bayerns [zuletzt besucht am 01.08.2017]

© Frank-Egon Stoll-Berberich, 2018, Alle Rechte vorbehalten.

Freitag, 26. Oktober 2018

Medaille für die Goldsammlung 1916 - "Gold gab ich zur Wehr - Eisen nahm ich zur Ehr"

Zu der hier bereits gezeigten Urkunde über die Goldsammlung im Werte von 16,50 Mark gibt es auch noch eine Medaille aus - wie könnte es anders sein - Eisen.

Auch wenn die meisten Medaillen immer im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg gesehen werden, so liegt der Ursprung der Idee über Material- und Geldspenden für Kriegszwecke im Jahre 1813.
Es war Prinzessin Marianne von Preußen, die im Rahmen der Befreiungskriege preußische Frauen zur Abgabe ihres Schmucks aufforderte und so einen Aufruf Rudolph Werkmeisters in der Spenerschen Zeitung unterstützte. So sollte der Kampf gegen die napoleonische Besetzung Preußens unterstützt werden.1

Die Medaille der "Sammlung von Goldschmuck 1916", die hier gezeigt wird, besteht aus zwei Teilen: Einer geprägten Front aus dünnem Blech, die über den rückwärtigen Teil der Medaille gestülpt ist und mit umgebogenen Laschen die zweiteilige Medaille zu einer Einheit verbindet. Der rückwärtige Teil wurde mit einer Broschennadel und Öse versehen. Der vordere Teil zeigt eine Frau, die kniend ihren Goldschmuck reicht, begleitet von den Worten "IN EISERNER ZEIT", die Rückseite trägt die Worte "GOLD GAB ICH ZUR WEHR - EISEN NAHM ICH ZUR EHR", darunter Eichenlaub und der Namen des Künstlers "Hosaeus". Der Durchmesser beträgt 41mm, die Tiefe 4mm.

Die Medaille der "Sammlung von Goldschmuck 1916", die hier gezeigt wird, besteht aus zwei Teilen: Einer geprägten Front aus dünnem Blech, die über den rückwärtigen Teil der Medaille gestülpt ist und mit umgebogenen Laschen die zweiteilige Medaille zu einer Einheit verbindet. Der rückwärtige Teil wurde mit einer Broschennadel und Öse versehen. Der vordere Teil zeigt eine Frau, die kniend ihren Goldschmuck reicht, begleitet von den Worten "IN EISERNER ZEIT", die Rückseite trägt die Worte "GOLD GAB ICH ZUR WEHR - EISEN NAHM ICH ZUR EHR", darunter Eichenlaub und der Namen des Künstlers "Hosaeus". Der Durchmesser beträgt 41mm, die Tiefe 4mm.


Links und Literaturhinweise


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Samstag, 13. Oktober 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 27.07.1914 - Kriegsbeginn

Der Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Serbien

ist, nachdem die serbische Regierung auf die österreichische Note eine ablehnende Antwort erteilte, nunmehr zur Gewissheit geworden. Der österreichische Gesandte hat, gemäß seinen Instruktionen, am Samstag Abend 6 Uhr Belgrad verlassen, auch der serbische Gesandte ist aus Wien abgereist. In Wien hat man sich nicht zur Verlängerung der 48-stündigen Frist verstanden, in welchem Sinne sich Rußland und Frankreich in unverhüllter Parteinahme für ihren serbischen Schützling bei der österreichisch-ungarischen Regierung bemüht haben. Österreich-Ungarn war von vornherein fest entschlossen, auf seinen scharfen, aber freilich auch gerechtfertigten, Genugtuungsforderungen zu bestehen, während in Serbien die gesamte öffentliche Meinung noch vor Ablauf der Ultimatumsfrist mit aller Entschiedenheit gegen ein Eingehen Serbiens auf die Forderungen der großen Nachbarmonarchie gerichtet war. Die Regierung des Königs Peter würde zweifellos in einen schweren Konflikt mit dem durch seine nationalen und politischen Leidenschaften aufgeregten eigenen Volke geraten sein, wenn sie Österreich-Ungarn wesentlich entgegenkommen würde, und so muß denn ein Waffengang zwischen den beiden Nachbarstaaten entscheiden, die ja schon seit Jahren in einen mehr oder weniger gespannten Verhältnisse miteinander leben.
Bei Serbien, das kaum erst die beiden schweren Kriege gegen die Türkei und gegen Bulgarien überstanden hat, dürfte die feste Hoffnung auf eine tatkräftige Unterstützung seitens des Zweibundes, in erster Linie aber Rußlands, hierbei eine bestimmende Rolle spielen. Ein bewaffnetes Eingreifen des Zweibundes zugunsten Serbiens in einem eventuellen Kriege dieses ehrgeizigen Balkanstaates mit Österreich-Ungarn würde aber natürlich Deutschland und Italien an die Seite ihres österreichisch-ungarischen Verbündeten rufen, und dann würde das schon immer gefürchtete Unheil eines großen Weltkrieges mit einem Male über Europa hereinbrechen.
Ob es zu diesem Äußersten kommen wird, bleibt abzuwarten, bestehen doch für Rußland wie für Frankreich gewichtige Gründe, sich zurzeit nicht ohne zwingende Not in einen großen Krieg zu stürzen. Das Zarenreich leidet gerade im jetzigen Moment unter ernsten sozialrevolutionären Zuckungen in seiner Arbeiterschaft, welche sich zweifellos in eine offene Revolution bei einer etwaigen auswärtigen kriegerischen Verwickelung Rußlands verwandeln dürften. Mit der militärischen Schlagfertigkeit des französischen Bundesgenossen Rußlands aber sieht es im jetzigen Moment einigermaßen bedenklich aus, die bekannten Enthüllungen des Senators Humbert haben auf die Zustände im französischen Heere ein grelles Streiflicht geworfen, welch letztere Zweifel erwecken, ob es jetzt den Anforderungen eines großen Feldzuges gewachsen sein würde. Möglich darum, daß von Petersburg und Paris bei aller Sympathie für den serbischen Radaubruder schließlich geheime Winke nach Belgrad ergehen; ob sie von den Hitzköpfen in Belgrad befolgt werden, das steht freilich auf einem anderen Blatte. In Österreich-Ungarn wie in Serbien sind die Mobilisierungsmaßnahmen und andere militärische Vorbereitungen im vollen Gange. Österreich-Ungarn darf getrost von sich behaupten, daß es in seiner Haltung gerechtfertigt vor Europa dastehe.
Nachstehend bringen wir die wichtigsten Meldungen vom 25. Juli: 
Belgrad, 25. Juli. Ministerpräsident Baschitsch erschien 10 Minuten vor 6 Uhr abends in der hiesigen österreichisch-ungarischen Gesandtschaft und überreichte dem Freiherrn von Giesl die serbische Antwort auf die österreichisch-ungarische Note. Diese war nach den dem Gesandten gewordenen Instruktionen aus Wien als ungenügend zu betrachten. Baron Giesl notifizierte dem Ministerpräsidenten infolgedessen sofort den Abbruch der diplomatichen Beziehungen. Mit dem Gesandtschaftspersonal verließ Freiherr v. Giesl um 6 Uhr 30 Minuten die serbische Hauptstadt. 
Wien, 25. Juli. Das Ministerium des Auswärtigen hat heute Abend 6 Uhr 10 Minuten die versammelten Journalisten zu sich berufen und ihnen folgende Mitteilung gemacht: „Um 3 Uhr nachmittags wurde die serbische Armee mobilisiert. König Peter, der Königliche Hof, die Behörden, die Truppen haben Belgrad verlassen. Um 6 Uhr überreichte die serbische Regierung dem österreichischen Gesandten die Antwortnote. Da sie für nicht genügend befunden wurde, ist der österreichische Gesandte in Belgrad samt dem Personal abgereist. 
Wien, 25. Juli. Wie in unterrichteten Kreisen verlautet, hat der serbische Kriegsminister im Ministerrat erklärt, daß die Armee jene Bedingungen, die sich auf die Verhaftung und Bestrafung von Offizieren beziehen, in keinem Falle annehmen werde, und daß für die Krone die Gefahr bestehe, das sich die Armee gegen die Dynastie erheben werde. Der Kriegsminister hatte diese Erklärung auf Grund eines Memorandums abgegeben, das vom Belgrader Offizierkorps ihm gestern Abend übergeben worden war. Auch aus den Provinzgarnisonen wurden an den Kriegsminister telegraphische Proteste der Offiziere übermittelt. Der Ministerrat soll auch im Besitze von Petersburger Erklärungen gewesen sein, die den Beschluß der Regierung beeinflußt hätten. Schon gestern Nachmittag wurde die Mobilisierung der Donau und der Drinadivision angeordnet. Zum Kommandanten der Donau-Division wurde General Inkowitsch ernannt. Das Hauptquartier wurde nach Valjewo verlegt, wohin General Inkowitsch mit seinem Stabe bereits abgereist war. Die Leitung der Kriegsoperationen wird General Putnik übernehmen. König Peter wird morgen eine Proklamation an das Volk erlassen. Alle Reservisten wurden telegraphisch einberufen. 
Wien, 25. Juli. Österreich hat bereits eine teilweise Mobilisierung angeordnet. Von den bestehenden 16 österreichischen Korps wurden acht Korps mobilisiert. Darunter befinden sich die beiden böhmischen Korps, das Prager und das Leitmeritzer. Die Sicherung der Eisenbahnlinien durch Truppendetachements wurde heute Abend angeordnet. Es wird darauf aufmerksam gemacht, daß die Wachen und Posten demjenigen gegenüber, der auf den ersten Anruf nicht stehen bleibt, von der Waffe Gebrauch machen. 
Wien, 25. Juli. Um 8 Uhr abends hat der serbische Gesandte Jowanowitsch mittels Automobils Wien verlassen. Soviel man hört, hat er sich direkt nach Belgrad begeben. 
Belgrad, 25. Juli. Der deutsche Gesandte, Freiherr von Griesinger übernimmt den Schutz der österreichischen Staatsangehörigen.
Die Begeisterung in Österreich und Ungarn ist begreiflich sehr lebhaft. In Wien versammelten sich noch am Samstag  Abend die Massen zu einem imposanten Manifestationszuge, der, immer neuen Zuzug erhaltend, über die Ringstraße zum Deutschmeisterdenkmal zog. Patriotische Lieder wurden gesungen und Hochrufe auf den Kaiser, auf Kaiser Wilhelm und auf die Armee ausgebracht. Die Polizei ließ die Menge gewähren. Auch in allen übrigen Teilen der Stadt wurde die Nachricht mit größter Begeisterung aufgenommen. Überall, wo die Menge eines Offiziers oder eines Soldaten ansichtig wurde, umringte sie ihn und begrüßte ihn mit begeisterten Rufen: „Hoch der Krieg! Hoch die Armee!“  
Vor dem Gebäude der deutschen Botschaft im dritten Wiener Bezirk fanden heute Abend große Sympathiekundgebungen statt. Eine Menge von etwa 10.000 Personen sang vor dem Gebäude die „Wacht am Rhein“ und brachte Hochrufe auf Kaiser Wilhelm, unserem Verbündeten, aus. Die russische Botschaft, welche sich in unmittelbarer Nähe befindet, wurde von dem Publikum nicht belästigt. Noch immer ziehen unausgesetzt große Trupps von Menschen mit schwarzgelben Fahnen durch die Straßen der Stadt.  Aus vielen Provinzstädten werden große patriotische Kundgebungen für den Krieg gemeldet.
Deutsche Sympathiekundgebungen für Österreich sind allgemein. Das entschlossene Auftreten Österreichs ist in allen Großstädten Deutschlands mit Begeisterung aufgenommen worden. Besonders patriotische Kundgebungen werden aus München, Berlin, Hamburg, Breslau, Hannover, Homburg, Freiburg gemeldet. 
Die italienische Regierung hat der österreichisch-ungarischen Regierung eine Erklärung zukommen lassen, daß sie in einem eventuellen bewaffneten Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Serbien eine dem Bundesverhältnisse entsprechende Haltung einnehmen werde.
Die russische Auffassung der Lage ist noch unbestimmt: Petersburger Abendblätter schlagen einen äußerst beschloß im heutigen Staatsrat, anläßlich des Krieges zwischen Deutschland und England eine Neutralitätserklärung ab zu geben. Nachdem bereits im dänischen Teil des Landes die Minensperre erfolgte, wurde beschlossen, im Großen Belt und im dänischen Teil des Kleinen Belt Minen auszulegen, um zu vermeiden, daß sich die Kriegsoperationen auf die dänischen Gewässer ausdehnen, und um die Verbindung zwischen den dänischen Landesteilen aufrechtzuerhalten. Außerdem wurde beschlossen, den zweien Teil der Sicherungsstärke auf Fünen und Jütland, sowie den zweiten bis einschließlich achten Jahrgang der Mannschaft von Seeland, Laaland und Falster einzuberufen. Die Einberufung der Sicherungsstärke ist nicht gleichbedeutend mit Mobilisierung.


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Mittwoch, 26. September 2018

4. Kriegsanleihe 1916 - Bensheimer Schülerin opfert ihr Taschengeld für die Soldaten an der Front

"Die kleine Lisa ist erst neun Jahre alt. Sie geht in Bensheim zur Schule, ihr Vater ist im Krieg und die Schülerin spendet ihr Taschengeld der Front".

Lisa (Elisabeth) Zehnbauer und ihre Klasse der Katholischen Volksschule Bensheim mit der Klassenlehrerin Frau Kempf 1917

So dürften etliche Lebensläufe in Deutschland, ja in ganz Europa ausgesehen haben und die kleine Lisa war nicht die einzige Schülerin, die dem Aufruf zur Spende gefolgt sein dürfte. 

Das Formular war für Schulen vorbereitet worden; der Name des Schülers, der Schule und des Lehrers kamen in die entsprechenden, vorgedruckten Felder. Da konnte man gar nicht "Nein" sagen!



Zu Beginn des Krieges hatte man sich in Deutschland zur Finanzierung des Krieges, dem liberalen Wirtschaftsgeist der Epoche gemäß, für Anleihen entschieden und nicht wie andere Staaten für eine Erhöhung der Steuern. Geld musste her und zwar in rauen Mengen, denn bereits die erste Kriegswoche schlug mit rund 750 Millionen Mark zu Buche, der erste Monat verschlang bereits 2.25 Milliarden Mark und es sollten noch vier Jahre Krieg folgen. 

Die erste Kriegsanleihe vom 10. bis 19. September 1914 brachte mit 1.177.235 Zeichnern, die alle 100 Mark einlegen mussten, insgesamt 4.5 Milliarden Mark. Aber 100 Mark Mindesteinlage war für keinen normalen Schüler zu stemmen. Zwar gab es auch schon im Rahmen der allerersten Kriegsanleihe Schulen und Schüler, die sich beteiligten, aber dabei handelte es sich um wenige Schulen, meist elitäre Gymnasien, die dieses Opfer erbringen konnten.

Einhundert Mark waren für das älteste der 6 Kinder Johann Heinrich Zehnbauers undenkbar. Das sah wohl auch die Regierung so und es wurden ab der 2. Kriegsanleihe auch Schulen mit einbezogen. Was vorerst noch als "pädagogischer Missgriff" verurteilt wurde, entwickelte sich spätestens mit der vierten Anleihe zu einer schulischen Pflichtveranstaltung.1

Jetzt durfte auch die kleine Lisa ihr Opfer bringen. Frau Kempf die Klassenlehrerin konnte gar nicht anders, als diesen organisierten Opfergang institutionell umsetzen und so landete das Taschengeld der kleinen Lisa... wo es besser nicht gelandet wäre!


Links und Literaturhinweise

1) siehe: Kronenberg, Martin (2014): Kampf der Schule an der "Heimatfront" im Ersten Weltkrieg: Nagelungen, Hilfsdienste, Sammlungen und Feiern im Deutschen Reich, Hamburg, Seite 106ff.

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Sonntag, 16. September 2018

Der Erste Weltkrieg im Bergsträßer Anzeigeblatt - Ausgesuchte Artikel und Annoncen - 06.07.1914 - Die Beisetzung des Thronfolgers und Princips Geständnis


Die Beisetzung des Erzherzogpaares Franz Ferdinand. 

Groß-Pöchlarn, 4. Juli, Die Särge des Erzherzogs und der Herzogin wurden unter strömendem Regen aus dem Waggon gehoben und in dem Wartesaal aufgebahrt. Zwölf Offiziere des Ulanenregiments Franz Ferdinand hielten die Ehrenwache. Nach neuerlicher Einsegnung wurden die Särge um 3 ½ Uhr morgens in den Galaleichenwagen gebracht. Der Trauerzug setzte sich durch ein dichtes Spalier der Bevölkerung, welche in stummer Ergriffenheit die Verblichenen begrüßte, zum Donauufer in Bewegung, wo er um 4 Uhr anlangte. Die Leichenwagen wurden auf eine Rollfähre geschoben, welche langsam über den Donaustrom setzte. Vom jenseitigen Ufer wurde der 3 ½ Kilometer lange Weg zum Schloß Artstetten fortgesetzt, wo der Trauerzug um 5 Uhr morgens anlangte. Die Särge wurden in der Schloßkirche aufgebahrt; Priester- und Nonnen hielten abwechselnd Betstunden. Um 8 und 9 ¾ Uhr trafen zwei Hofsonderzüge in Groß-Pöchlarn mit den Trauergästen ein, darunter Erzherzog Karl Franz Josef und Gemahlin, sowie die Kinder des verblichenen Paares. 
Artstetten, 4. Juli. Um 10 ¾ Uhr fand in der Schloß-Pfarrkirche in Gegenwart des Erzherzogs Karl Franz Joseph und der nächsten Verwandten der Verblichenen, zahlreicher Mitglieder des Kaiserhauses und sonstiger Trauergäste die feierliche Einsegnung der Leichen des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gemahlin statt. Dechant Dobner nahm unter großer geistlicher Assistenz die feierliche Handlung vor. An den Särgen hielten Offiziere die Ehrenwache. Um 11 ½ Uhr wurden die Särge durch ein Spalier von Feuerwehrleuten und Veteranen durch das Parktor zur Gruft getragen, wo in Gegenwart der nächsten Anverwandten die endgültige Beisetzung erfolgte.

Wien, 4. Juli. Heute Vormittag fand in der Hofburg-Pfarrkirche ein feierliches Seelenamt statt, welchem dem Kaiser, die Mitglieder des Kaiserhauses und die Würdenträger beiwohnten. 
Wien, 4. Juli. In der ganzen Monarchie fanden heute für den Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlin feierliche Requiems statt. 
Wien, 4. Juli. Der Kaiser empfing die Kinder des verstorbenen Erzherzogs in Audienz, die 20 Minuten dauerte.

Princips Geständnisse.

Der Attentäter Princip erklärte, nach dem „Berl. Lok.- Anz“, in der Untersuchungshaft, daß er sich nach dem Attentat“ habe selbst entleiben wollen; wenn er gewußt hätte, daß er daran gehindert werde, würde er das Attentat nicht begangen haben. Er sei jedoch froh, daß das Attentat gelungen sei. Wären auch die Kinder des Thronfolgerpaares mitgewesen, hätte er sich nicht gescheut, auch sie zu erschießen. Princip antwortet sehr intelligent. Da sicher die Todesstrafe an ihm vollzogen wird, gibt sich in der Serajower Gesellschaft die Forderung kund, daß dies öffentlich geschehe. Bei der Verhaftung des Belgrader Gymnasiasten Trifko Grabe wurde festgestellt, dass er beim Rathause mit Revolver und Bombe ein Attentat auf den Thronfolger geplant habe. Nach dem Attentat bei der Lateinerbrücke durch Princip begab sich Grabez in die Wohnung seines Schwagers, des Schuhmachers Crnogorcevic, wo er Revolver und Bombe versteckte. Gestern wurde die Bombe und der geladene Revolver gefunden und der Polizei übergeben. Grabez ist 17 Jahre alt, Sohn eines serbischen Priesters aus Pale, einem Orte unweit Serajewo, und Schüler der siebenten Gymnasialklasse. Er verkehrte in der Gesellschaft der Attentäter und hat Bombe und Revolver in Belgrad vom Chef der Narodna Ciganovic erhalten. Der Schwager des Grabez, der Schuster Crnogorcevic, wurde schon Montag verhaftet, da er geäußert hatte, er habe von dem Attentat eher gewußt als alle in der Untersuchung Befindlichen. Er leugnet, das gesagt zu haben. Grabez ist auch ein Verwandter der serbischen oppositionellen Landtagsabgeordnete Gavro Gasic, der der Narodnagruppe angehört. Der bosnische Landtag wird nach dem Begräbnis des Thronfolgerpaares aufgelöst. Dann werden mehrere serbische oppositionelle Abgeordnete verhaftet. Einige sind durch die Untersuchung stark kompromittiert.
Wien, 5. Juli. Dem „Wiener Correspondenz-Bureau“ gehen aus Belgrad folgende weitere Meldungen zu: Dem „Mali-Journal“ zufolge, hat die serbische Polizei Nachforschungen nach dem Komitadschi Tschiganowitsch angestellt, gegen den der Verdacht laut wurde, daß er an dem Attentat gegen den Erzherzog beteiligt gewesen sei. Die serbische Polizei hat von Tschiganowitsch noch keine Spur gefunden, setzt die Nachforschungen aber fort.


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Montag, 10. September 2018

"Gold gab ich für Eisen" - Urkunde über eine Goldspende anlässlich der Goldsammlung 1916.

Der Krieg hielt auch 1916 weiterhin an und nicht nur die Lage an der Front verschärfte sich, sondern auch die Haushaltslage der europäischen Kriegskassen. In ganz Europa, selbst in den USA, wurden auf verschiedene Art und Weise Rohstoffe eingesammelt, Geldspenden erbeten und Edelmetalle in Devisen getauscht, um die unaufhaltsam steigenden Kosten bei sich gleichzeitig verschärfender Rohstoffversorgung sicherzustellen.

Unaufhaltsam wurde im wahrsten Sinne des Wortes "das Tafelsilber verscherbelt". Waren es zu Beginn noch reine Kriegsanleihen, so machte man nun auch vor Kirchenglocken, Orgelpfeifen und Eheringen nicht mehr Halt.


Die hier gezeigte Urkunde über 16,50 Mark abgelieferten Goldes ist ein Beleg für den verzweifelten Versuch, den Krieg am Laufen zu halten. Was aber waren 16,50 Mark zur damaligen Zeit wert? Was konnte sich der Spender für diesen "vergüteten" Betrag kaufen.

Vielleicht macht man dies am besten an alltäglichen Gütern fest, dem Brot zum Beispiel. Im Jahre 1916, dem Zeitpunkt der Goldspende, hätte man 100 kg Weizenmehl  - jetzt kommen regionale Unterschiede zum Tragen - für 34,75 Mark in Eilenburg / Sachsen kaufen können oder für die gleiche Menge 50 Mark in Bayreuth / Bayern gezahlt. Das Brot als Bezugsgröße hätte in Frankfurt am Main 40 Pfennige für ein Kilogramm gekostet, wären also 41 Laib Brot gewesen.1

Was genau der edle Spender eingereicht hat, ist leider nicht klar, aber zumindest ist er eine Zeit lang satt geworden. War er der Einzige? Wohl kaum, denn sein Beitrag war, gemessen an der Gesamtsumme, bescheiden.

Die Werte der verschiedenen "Gelddruckaktionen" und deren Absicherung durch Kriegsanleihen kann man im Detail nachvollziehen. Im Jahre 1916 wurden durch zwei Kriegsanleihen - es waren während des Krieges insgesamt neun Kriegsanleihen - 21.365.000.000 Mark erzielt, allerdings 23.154.000.000 Mark als Schatzanweisungen in Umlauf gebracht2.... Richtig! Der Volksmund spricht von "Miesen"!



Links und Literaturhinweise

1) Brot- und Mehlpreise 1916, Quelle: Bergische Arbeiterstimme 29. Juni 1916: Mehl- und Brotpreise in deutschen Städten, entnommen der Homepage "1914-1918: Ein rheinisches Tagebuch" https://archivewk1.hypotheses.org/27632

siehe auch: Goldsammlung Petrinum - Schüler überwiesen im Kriegsjahr 1915 bereits 56.840 Goldmark, auf http://www.dorsten-lexikon.de/goldsammlung-petrinum/

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